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Verstehen ist kein Freispruch

Warum eine Erklärung Verantwortung nicht verschwinden lässt – und weshalb ich trotzdem wissen möchte, wie etwas entstehen konnte

Es gibt einen seltsamen Reflex, sobald man versucht, menschliches Verhalten zu verstehen.

Man sagt:

„Ich kann nachvollziehen, wie es dazu gekommen sein könnte.“

Schon steht irgendwo jemand mit erhobenem Zeigefinger:

„Du willst das Verhalten also entschuldigen?“

Nein. Ich möchte es verstehen. Das sind zwei verschiedene Tätigkeiten.

Wenn ich wissen möchte, warum ein Haus brennt, erkläre ich damit schließlich auch nicht das Feuer zum gesellschaftlich wertvollen Beitrag zur Stadtentwicklung.

Ich möchte wissen: Wo hat es angefangen? Was hat es begünstigt? Was hält es am Laufen? Was richtet es an? Was muss geschehen, damit es nicht weiterbrennt?

Bei Menschen wird diese Unterscheidung erstaunlich schnell kompliziert.

Denn sobald wir verstehen, weshalb jemand gelogen, verletzt, geschrien, geschwiegen, sich zurückgezogen, kontrolliert oder Grenzen überschritten hat, entsteht leicht der Eindruck:

Jetzt müssen wir wohl verständnisvoll darüber hinwegsehen.

Nö. Verstehen ist kein Freispruch.


„Er hatte eben eine schwierige Kindheit.“

Kann stimmen. Kann sogar eine enorm wichtige Information sein. Nur folgt daraus nicht automatisch:

„Dann konnte er ja nichts dafür.“

Eine schwierige Kindheit kann erklären, warum bestimmte Schutzstrategien entstanden sind. Sie kann erklären, warum Nähe Angst macht. Warum Kontrolle Sicherheit verspricht. Warum Konflikte schnell bedrohlich wirken. Warum jemand gelernt hat, Gefühle zu verstecken, anzugreifen, zu beschwichtigen oder wegzulaufen.

Das alles kann helfen, Verhalten einzuordnen. Es macht die Folgen des Verhaltens trotzdem nicht unsichtbar.

Ein Mensch kann nachvollziehbare Gründe besitzen und einem anderen trotzdem wehtun. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Das scheint uns gelegentlich geradezu unzumutbar.

Wir hätten lieber: Täter oder Opfer. Verantwortlich oder unschuldig. Gut oder schlecht.

Menschliches Verhalten besitzt allerdings die Frechheit, sich nicht zuverlässig an unsere Gerichtssaalmöblierung zu halten.


Eine Erklärung beantwortet eine andere Frage als Verantwortung

Das hilft mir bei der Unterscheidung:

„Wie konnte dieses Verhalten entstehen?“

ist eine andere Frage als:

„Wer trägt heute Verantwortung dafür?“

Nehmen wir jemanden, der in Konflikten regelmäßig laut und verletzend wird.

Eine mögliche Entstehungsgeschichte könnte lauten: Konflikte bedeuteten früher Gefahr. Lautstärke war vielleicht eine Form, sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Angriff entstand als Schutz vor Ohnmacht. Das kann wichtig sein. 

Es verändert die nächste Frage jedoch nicht:

Wie gehst du heute damit um, dass dein Verhalten andere verletzt?

Die Vergangenheit kann erklären, weshalb jemand eine Waffe gebaut hat. Sie entscheidet nicht darüber, ob er sie heute weiter benutzen darf.


Verstehen bedeutet auch nicht, bleiben zu müssen

Dieser Punkt ist mir besonders wichtig. Du kannst einen Menschen verstehen und trotzdem gehen. Du kannst nachvollziehen, warum jemand reagiert, wie er reagiert, und trotzdem sagen:

„Ich möchte so nicht behandelt werden.“

Du kannst Mitgefühl empfinden und eine Grenze setzen. Du kannst jemanden lieben und eine Beziehung beenden. Du kannst wissen, dass jemand selbst verletzt wurde, und dich weigern, deshalb weiterhin verletzt zu werden.

Das ist kein Mangel an Empathie. Es ist eine Unterscheidung zwischen: Erklärung und Konsequenz.

Manchmal wird Verständnis regelrecht zur moralischen Verpflichtung umgebaut:

„Du weißt doch, warum er so ist.“

Ja. Weiß ich. 

Mal ’ne blöde Frage: Seit wann verpflichtet mich eine Erklärung dazu, ihre Folgen dauerhaft auszuhalten?


„Sie kann doch nichts dafür.“

Dieser Satz klingt fürsorglich. Er kann gleichzeitig ziemlich viel kaputtmachen.

Denn zwischen:

„Jemand hat sich diese Reaktion nicht bewusst ausgesucht.“

und

„Jemand besitzt keinerlei Verantwortung dafür, wie er heute damit umgeht.“

liegt ein großer Unterschied.

Viele Schutzreaktionen entstehen nicht bewusst. Niemand sitzt mit acht Jahren am Küchentisch und beschließt:

„Ausgezeichnet. Ich entwickle jetzt eine Strategie, die mir mit 42 meine Beziehungen erschwert.“

So läuft das eher nicht.

Eine Reaktion kann automatisch entstanden sein. Sie kann trotzdem später beobachtbar werden. Sie kann überprüft werden. Sie kann möglicherweise verändert, unterbrochen oder anders gestaltet werden.

Nicht immer vollständig. Nicht sofort. Nicht ohne Rückfälle.

Verantwortung bedeutet nicht:

„Du hättest das alles verhindern müssen.“

Verantwortung kann bedeuten:

„Was machst du heute mit dem, was du inzwischen erkennen kannst?“

Das ist erheblich fairer.


Ich kann das Erlebte nicht ungeschehen machen

Das gehört zu den Sätzen, die ich nicht hübscher machen möchte.

Ich kann das Erlebte nicht ungeschehen machen.

Kein Modell kann das. Keine Landkarte. Keine besonders kluge Frage. Keine Meditation. Keine noch so sorgfältig formulierte Erklärung.

Geschehenes bleibt geschehen.

Manche Erfahrungen lassen sich integrieren. Manche verlieren mit der Zeit an Einfluss. Manche bleiben schmerzhaft. Manches lässt sich vergeben. Manches nicht. Manches möchte ein Mensch gar nicht vergeben.

Auch das darf zunächst stehen.

Die Aufgabe der VSP ist nicht, rückwirkend Goldstaub über Erfahrungen zu streuen und daraus:

„Es musste wohl so kommen, damit du wachsen kannst.“

zu machen.

Danke, nein.

Manche Erfahrungen waren einfach beschissen. Punkt. Interessant wird für mich die nächste Frage:

Was davon wirkt heute noch?

Vergangenheit ist vergangen – ihre Wirkung nicht unbedingt

„Das ist doch längst vorbei.“ Ein Satz, der chronologisch völlig korrekt und psychologisch trotzdem ziemlich daneben sein kann.

Etwas kann zehn Jahre zurückliegen und heute noch Einfluss besitzen. Nicht weil ein Mensch unbedingt „festhält“. Sondern weil Erfahrungen Bedeutungen hinterlassen können.

Zum Beispiel:

„Wenn ich widerspreche, verliere ich Nähe.“
„Wenn ich Hilfe brauche, bin ich schwach.“
„Wenn jemand schweigt, habe ich etwas falsch gemacht.“
„Ich muss zuerst merken, was andere brauchen.“

Solche Bedeutungen laufen nicht ständig mit einem Leuchtschild durchs Bewusstsein. Sie können trotzdem Entscheidungen, Erwartungen und Reaktionen beeinflussen.

Die VSP interessiert deshalb:

Was ist vorbei?

und:

Was wirkt davon heute noch?

Das ist ein wichtiger Unterschied. Vergangenheit muss nicht gelöscht werden, damit Gegenwart wieder mehr Wahl bekommt.


„Loslassen“ ist gelegentlich auch nur Druck in hübscher Verpackung

Da sitzt ein Mensch mit etwas, das wehgetan hat. Dann kommt ein Ratgeber um die Ecke und sagt:

„Du musst loslassen.“

Ach. Danke. Wie hilfreich.

Wo genau befindet sich der Loslassknopf? Unter Einstellungen? Erweitertes Menü? Werkseinstellungen wiederherstellen?

Manchmal entsteht Veränderung nicht dadurch, dass etwas endlich weg ist. Manchmal dadurch, dass ich genauer erkenne: Das ist passiert. Das hat es mit mir gemacht. Das wirkt heute noch. Diesen Teil kann ich beeinflussen. Diesen nicht. Das möchte ich behalten. Das möchte ich künftig anders behandeln.

Loslassen kann eine Folge davon sein. Es muss nicht die Eingangsvoraussetzung für gelungenes Menschsein werden.


Verstehen kann sogar unbequem werden

Denn eine Erklärung kann nicht nur andere entlasten. Sie kann auch meine eigenen bequemen Geschichten stören.

Nehmen wir:

„Ich raste eben aus, weil du mich provozierst.“

Das erklärt einen möglichen Auslöser. Es enthält gleichzeitig eine ziemlich komfortable Verantwortungsverschiebung.

Der andere drückt den Knopf. Ich explodiere. Naturgesetz.

Mal ’ne blöde Frage:

Was wäre, wenn deine Reaktion nachvollziehbar ist und trotzdem deine Reaktion bleibt? Was wäre, wenn beides gilt?

„Du hast etwas getan, das mich verletzt hat.“

und:

„Ich bin verantwortlich dafür, wie ich anschließend damit umgehe.“

Das ist deutlich weniger bequem als ein eindeutiger Schuldiger. Dafür entsteht dort Handlungsmacht.


Auch Verantwortung braucht Grenzen

Jetzt bloß nicht die nächste Keule bauen.

Wenn wir sagen:

„Du bist verantwortlich für deinen Umgang damit.“

kann daraus schnell das nächste Selbstoptimierungsmonster entstehen.

Dann lautet die Botschaft plötzlich:

„Egal, was dir passiert – wenn du richtig reguliert wärst, würdest du angemessen reagieren.“

Auch Quatsch. Menschen reagieren unter Belastung nicht immer souverän. Nervensysteme besitzen keine Benimm-App.

Schock, Angst, Überforderung, Schmerz und Erschöpfung können Handlungsspielräume massiv verkleinern.

Deshalb interessiert die VSP nicht:

„Warum hast du nicht perfekt reagiert?“

Sondern:

„Was war in dieser Situation überhaupt möglich?“

und später:

„Was könnte künftig wieder etwas mehr möglich werden?“

Verantwortung ohne Kontext wird schnell zur Beschuldigung. Kontext ohne Verantwortung wird schnell zur Entschuldigung für alles. Mich interessiert der Raum dazwischen.


Das schwierige kleine Wort: trotzdem

Ich mag dieses Wort. Trotzdem. Es hält Dinge zusammen, die wir gern auseinanderreißen.

Ich verstehe deine Geschichte.
Trotzdem war dein Verhalten verletzend.
Ich weiß, dass du Angst hattest.
Trotzdem war meine Grenze eine Grenze.
Ich sehe, warum ich mich damals angepasst habe.
Trotzdem möchte ich heute etwas anderes lernen.
Das hat mich geschützt.
Trotzdem kostet es mich inzwischen Freiheit.
Ich liebe diesen Menschen.
Trotzdem möchte ich diese Beziehung nicht weiterführen.

Trotzdem ist kein herzloses Wort. Es kann ausgesprochen respektvoll sein. Weil es verhindert, dass eine Wahrheit die andere auffrisst.


Die VSP möchte Entstehung verstehen, ohne Verantwortung aufzulösen

Genau darum geht es mir.

Nicht:

„Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, darf alles.“

Ebenso wenig:

„Vergangenheit spielt keine Rolle. Erwachsene sind für alles selbst verantwortlich.“

Beides greift zu kurz.

Die VSP kann sichtbar machen: Wie konnte eine Strategie entstehen? Wovor schützt sie? Wann wird sie aktiviert? Welche Folgen besitzt sie heute? Wie wirkt sie auf andere? Welche Bedingungen halten sie aufrecht? Welche Wahlmöglichkeiten existieren inzwischen?

Der entscheidende Punkt:

Die Entstehung eines Verhaltens und seine heutige Verantwortung dürfen gleichzeitig betrachtet werden.

Da wird es differenziert. Nicht weichgespült.


Verstehen schützt auch vor billiger Verurteilung

Es wäre allerdings genauso falsch, Verständnis nur als Problem zu behandeln. Verstehen kann uns davon abhalten, Menschen vorschnell zu dämonisieren.

Ein Verhalten kann grausam wirken und trotzdem aus einem nachvollziehbaren inneren Zusammenhang entstanden sein.

Das macht das Verhalten nicht gut. Es verhindert lediglich, dass wir aus:

„Dieser Mensch hat etwas Schlimmes getan.“

automatisch:

„Dieser Mensch ist ausschließlich schlimm.“

machen.

Wer Verhalten verstehen möchte, muss nicht weniger klar werden. Er kann sogar klarer werden.

Weil er genauer weiß: Was ist passiert? Wie konnte es entstehen? Welche Folgen hatte es? Wo liegt heute Verantwortung?

Das ist wesentlich belastbarer als:

„Arschloch. Fall erledigt.“

Obwohl dieser Zwischenbefund gelegentlich emotional ausgesprochen befriedigend sein kann.


Manchmal lautet Erkenntnis einfach: Das will ich nicht mehr

Nicht jedes Verstehen endet in Versöhnung. Nicht jede Erkenntnis führt zu Nähe. Nicht jede Geschichte bekommt ein harmonisches Schlusskapitel mit Sonnenuntergang und zwei Menschen, die endlich miteinander reden können.

Manchmal lautet das Ergebnis:

„Jetzt verstehe ich besser, warum das passiert ist.“

und direkt daneben:

„Ich möchte trotzdem nicht zurück.“

Manchmal:

„Ich verstehe meine eigene Reaktion.“

und:

„Ich möchte sie künftig verändern.“

Manchmal schlicht:

„Das war scheiße. Das will ich nicht mehr. Das passiert mir nicht wieder, wenn ich Einfluss darauf habe.“

Das ist keine gescheiterte Verarbeitung. Das kann eine ziemlich klare Orientierung sein.


BFE – Mal ’ne blöde Frage …

Nimm eine Erfahrung oder ein Verhalten, für das du bereits eine Erklärung hast.

Prüfe einmal: Was erklärt diese Erklärung tatsächlich? Was entschuldigt sie möglicherweise ungefragt gleich mit? Welche Verantwortung bleibt trotzdem bestehen? Was davon gehört zur Vergangenheit? Was wirkt heute noch? Welche Konsequenz darf ich ziehen, obwohl ich den anderen verstehe? Welche Verantwortung übernehme ich gerade, die eigentlich gar nicht meine ist? Welche Verantwortung schiebe ich weg, weil meine Erklärung so überzeugend klingt?

Das Ziel ist nicht, härter zu urteilen. Das Ziel ist genauer zu unterscheiden.


Was ich mit der VSP anbieten kann

Ich kann helfen zu verstehen, ohne Gutheißen zu verlangen.
Ich kann das Erlebte nicht ungeschehen machen. Ich kann sichtbar machen, was davon heute noch wirkt.
Ich kann nach Entstehung fragen, ohne Verantwortung verschwinden zu lassen.
Ich kann sichtbar machen, wo Verständnis endet und eine Grenze beginnt.

Die VSP braucht dafür keine Freisprüche. Sie braucht auch keine Verurteilungen im Schnellverfahren. Sie braucht eine Landkarte. Eine, auf der Vergangenheit, Gegenwart, Wirkung, Verantwortung, Grenzen und Möglichkeiten nebeneinander Platz haben.


Mein Ausgangspunkt

Ich möchte verstehen, wie etwas entstehen konnte. Nicht, um alles gutzuheißen. Nicht, um Verhalten kleinzureden. Nicht, um Menschen von jeder Verantwortung freizusprechen.

Ich möchte verstehen, weil eine genauere Erklärung Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen kann. 

Manchmal führt sie zu Mitgefühl. Manchmal zu einer Grenze. Manchmal zu Verantwortung. Manchmal zu Abschied. Manchmal zum ersten Satz:

„Jetzt weiß ich endlich, worauf ich eigentlich reagiere.“

Das Erlebte wird dadurch nicht ungeschehen. Es muss auch nicht plötzlich „für etwas gut gewesen sein“. Es darf Vergangenheit sein. Seine Wirkung darf trotzdem überprüft werden.

Verstehen ist kein Freispruch.
Verstehen kann Orientierung sein.

Verstehen. Orientieren. Neu wählen.

Das Gericht darf geschlossen bleiben.

Herzlichst, Jacqueline

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