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Ich habe leider keine Gebrauchsanweisung für dich

Warum bessere Fragen manchmal hilfreicher sind als verdammt überzeugende Antworten

Es wäre natürlich praktisch.

Du kommst mit einem Problem, ich ziehe irgendwo eine Schublade auf, hole „Gebrauchsanweisung Mensch – Modell 1987 bis heute“ heraus und blättere kurz nach: 

Seite 438: Selbstzweifel-> Ursache B -> Knopf C drücken.

Dann dreimal tief durchatmen -> Grenzen setzen -> Inneres Kind umarmen.

Und Zack -> ab morgen selbstbewusst.

Herzlichen Glückwunsch. Bitte bewerte deinen Aufenthalt mit fünf Sternen.

So funktioniert Menschsein leider nicht. Menschen sind nun mal keine schlecht eingestellten Kaffeemaschinen. Dasselbe Verhalten kann aus völlig unterschiedlichen Zusammenhängen entstehen. Dieselbe Erfahrung kann für zwei Menschen etwas vollkommen anderes bedeuten. Eine Strategie, die gestern sinnvoll war, kann heute im Weg stehen. Eine Reaktion, die von außen völlig überzogen aussieht, kann innerhalb ihrer Geschichte erstaunlich nachvollziehbar sein.

Genau deshalb lautet einer meiner wichtigsten Sätze:

Ich gebe dir keine fertige Antwort. Ich helfe dir, bessere Fragen zu sehen.

Das klingt im ersten Moment möglicherweise weniger befriedigend als: „Ich weiß, was mit dir los ist.“

Dafür besteht eine deutlich geringere Gefahr, dass ich dir eine hübsch verpackte Erklärung in Tüten überreiche, die wunderbar klingt und leider mit deinem tatsächlichen Leben ungefähr so viel zu tun hat wie ein Horoskop für Wassermann mit Aszendent Toaster.


Die Frage, die ziemlich schnell ziemlich gemein werden kann

Viele Menschen beschäftigen sich irgendwann mit Fragen wie: 

Warum mache ich das immer wieder? 

Warum reagiere ich so? 

Warum kann ich nicht einfach anders?

Irgendwann rutscht daraus leicht eine andere Frage:

Was stimmt eigentlich nicht mit mir?

Der Satz sieht zunächst nach Selbstreflexion aus. Er hat nur einen kleinen eingebauten Haken.

Er setzt bereits voraus, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Die Untersuchung beginnt also nicht ergebnisoffen. Das Urteil sitzt schon mit am Tisch, hat Kaffee bestellt und wartet eigentlich nur noch darauf, dass jemand die passende Begründung liefert.

Mal ’ne blöde Frage:

Was wäre, wenn mit dir nicht grundsätzlich etwas „nicht stimmt“? Was wäre, wenn etwas wirkt

Das verändert die Frage:

Nicht: Was stimmt mit mir nicht?
Sondern: Was wirkt hier eigentlich?

Plötzlich öffnet sich der Raum.


(D)Eine Reaktion fällt nicht vom Himmel

Nehmen wir an, du möchtest Nein sagen und sagst trotzdem Ja.

Die schnelle Erklärung könnte lauten: „Ich kann keine Grenzen setzen.“

Prima. Etikett gefunden. Nur wissen wir dadurch noch erstaunlich wenig. Die VSP würde genauer hinsehen.

Was könnte beispielsweise beteiligt sein?

  • Du hast gelernt, dass Widerspruch Ärger, Liebesentzug oder Konflikt bedeuten kann.
  • Du bemerkst die Erwartungen anderer schneller als deine eigenen Bedürfnisse.
  • Dein Nervensystem reagiert bereits auf die Vorstellung einer Auseinandersetzung.
  • Zugehörigkeit hat in dieser konkreten Beziehung momentan einen sehr hohen Wert.
  • Du hast durchaus Grenzen – nur wird es schwierig, sie unter bestimmten Bedingungen nach außen zu vertreten.

Beispiele zur Orientierung – keine vollständige Liste.

Aus:

„Ich kann keine Grenzen setzen.“

wird damit möglicherweise:

„Unter welchen Bedingungen wird es für mich schwierig, meine Grenze wahrzunehmen oder auszusprechen?“

Das ist keine Wortklauberei. Die erste Aussage beschreibt dich beinahe wie eine Eigenschaft. Die zweite untersucht einen Zusammenhang. Genau dort beginnt für mich ein erheblicher Unterschied.


Ich sage dir nicht, wer du bist

Noch so ein Satz, den ich ziemlich ernst meine:

Ich sage dir nicht, wer du bist. Ich mache sichtbar, was gerade mitwirken könnte.

„Du bist eben konfliktscheu.“ „Du bist bindungsängstlich.“ „Du bist ein People Pleaser.“ „Du bist toxisch.“ „Du bist traumatisiert.“ „Du bist schwierig.“

Da bekommt Mensch innerhalb weniger Sekunden eine komplett neue Identität geliefert.

Kostenlos. Sehr effizient.

Problematisch wird es, wenn aus einer Beobachtung eine Person wird. 

„Ich verhalte mich in bestimmten Situationen angepasst“ ist etwas anderes als: „Ich bin die Angepasste.“

Eine VSP-Landkarte soll deshalb nicht sagen:

So bist du.

Sie soll fragen:

Was wird hier sichtbar?

Wann tritt es auf? Mit wem? Unter welchen Umständen? Was geht dem voraus? Was geschieht danach? Wo tritt es gerade nicht auf?

Dieser letzte Punkt wird erstaunlich gern vergessen.

Wer ausschließlich untersucht, wann ein Problem vorhanden ist, übersieht leicht die Situationen, in denen dasselbe Problem plötzlich Pause macht. Genau dort könnten ziemlich interessante Informationen liegen.


Muster sind Spuren – keine Gerichtsurteile

Wiederholt sich etwas häufig, nennen wir es gern Muster. Das ist sinnvoll.

Problematisch wird es erst, wenn daraus gedanklich Folgendes entsteht:

Muster entdeckt → Mensch erklärt → Akte geschlossen.

Ein Muster ist keine Persönlichkeit mit eigenem Personalausweis. Es beschreibt zunächst nur: Etwas tritt unter bestimmten Bedingungen wiederholt auf.

Deshalb mag ich den Satz:

Ich mache aus einem Muster kein Urteil. Ich mache daraus eine Frage.

Ein Beispiel: Du ziehst dich bei Konflikten regelmäßig zurück. Das Muster wäre erkennbar.

Jetzt könnten wir sagen: „Aha. Vermeidung.“ Fertig.

Oder wir werden neugieriger: Was geschieht kurz vor dem Rückzug? Was nimmst du wahr? Was erwartest du? Wovor schützt der Rückzug möglicherweise? Was kostet er dich? Was ermöglicht er? Gibt es Menschen, bei denen du nicht zurückweichst? Was ist dort anders?

Plötzlich wird aus einem vermeintlichen Defekt ein Untersuchungsgegenstand. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Rückzug deshalb wunderbar, gesund oder auf ewig erhaltenswert wäre.

Verstehen bedeutet nicht Gutheißen. Es bedeutet zunächst nur, dass wir aufgehört haben, mit dem Hammer auf ein unbekanntes Bauteil einzuschlagen.


Gute Fragen sind nicht automatisch angenehme Fragen

An dieser Stelle könnte der Eindruck entstehen, bessere Fragen seien diese kuscheligen kleinen Selbstreflexionsdinger:

„Was brauche ich gerade?“ Kann eine hervorragende Frage sein. Manchmal braucht es allerdings eine mit etwas mehr Gebiss.

Zum Beispiel:

Was bekomme ich davon, dass alles so bleibt?
Welche Erklärung über mich verteidige ich gerade, obwohl sie mir längst nicht mehr hilft?
Was müsste ich anerkennen, wenn ich den anderen nicht mehr zum alleinigen Problem erklären könnte?
Welche Entscheidung schiebe ich auf, indem ich weiter nach der perfekten Erklärung suche?

Das sind keine Fragen, mit denen ich jemanden überführen möchte. Sie sollen auch keine rhetorischen Antworten enthalten.

Eine echte Frage muss die Möglichkeit offenlassen, dass die Antwort anders ausfällt als erwartet. Sonst ist sie keine Frage. Dann trägt eine Anklage lediglich ein Fragezeichen als falschen Schnurrbart.


Die VSP soll Komplexität nicht abschaffen

Menschen wünschen sich verständlicherweise Klarheit. Klarheit ist hilfreich. Vereinfachung kann hilfreich sein.

Übervereinfachung ist etwas anderes. Wer für jedes menschliche Verhalten genau eine Ursache findet, darf gelegentlich prüfen, ob er gerade einen Menschen betrachtet oder einen Lichtschalter.

In unserem Erleben können gleichzeitig Erfahrungen, Gedanken, Gefühle, Beziehungen, körperliche Reaktionen, Erwartungen, Situationen, soziale Bedingungen und alte Bedeutungen mitspielen.

Nicht alles davon ist immer relevant. Nicht alles muss untersucht werden. Nicht jede Kindheitserinnerung braucht eine archäologische Ausgrabung samt Förderantrag.

Die Aufgabe besteht darin, herauszufinden:

Was davon ist für diese konkrete Frage gerade bedeutsam?

Genau dort hilft mir die VSP. Sie gibt mir eine Möglichkeit, Zusammenhänge sichtbar zu machen, ohne den Anspruch zu erheben, damit den vollständigen Menschen erklärt zu haben.


Was ich dir deshalb nicht anbieten möchte

Ich möchte dir nicht erklären: „So bist du.“

Ich möchte dir auch nicht versprechen: „Wenn du diese fünf Schritte machst, bist du das Problem los.“

Noch weniger möchte ich aus irgendeinem Verhalten innerhalb von drei Absätzen einen Bösewicht, ein Opfer und eine psychologische Netflix-Serie mit acht Staffeln bauen.

Was ich mit Hilfe der VSP anbieten kann, ist etwas anderes:

Wir können genauer hinsehen.

Wir können unterscheiden. Wir können Zusammenhänge sichtbar machen. Wir können prüfen, welche Erklärung trägt und welche nur verdammt überzeugend klingt. Wir können entdecken, wo etwas entstanden sein könnte, was es heute bewirkt und welche Möglichkeiten daneben existieren.

Die Entscheidung darüber, was daraus folgt, bleibt trotzdem bei dir. Das ist möglicherweise unbequemer als eine Gebrauchsanweisung. Dafür gehört dein Leben anschließend immer noch dir.


BFE – Mal ’ne blöde Frage …

Angenommen, du müsstest dich heute ausnahmsweise nicht erklären. Kein:„Ich bin eben so.“

Kein: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Kein: „Das liegt alles an meiner Vergangenheit.“ Kein: „Der andere ist schuld.“

Nur diese eine Frage:

Was wirkt hier gerade – in mir, um mich und zwischen den Beteiligten?

Was würdest du sehen, das vorher hinter deinem Urteil über dich selbst verschwunden war?


Mein Ausgangspunkt

Ich gebe dir keine fertige Antwort.
Ich helfe dir, bessere Fragen zu sehen.

Nicht, weil Antworten grundsätzlich schlecht wären. Sondern weil manche Antworten einen Denkraum schließen, bevor überhaupt jemand hineingeschaut hat.

Die Visuelle Systempsychologie soll diesen Raum nicht mit einer neuen Wahrheit zustellen.Sie soll Licht hineinbringen. 

Verstehen. Orientieren. Neu wählen.

Der Rest darf tatsächlich Expedition bleiben.

Herzlichst, Jacqueline

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