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Menschen sind keine Ikea-Regale

Warum ich dich nicht erklären, einsortieren oder mit drei hübschen Etiketten fertig zusammenbauen möchte

Menschen sind ausgesprochen unpraktisch. Bei einem Ikea-Regal weißt du wenigstens ungefähr, woran du bist.

Paket auf. Teile zählen. Anleitung suchen. Schrauben verlieren. Kurz an der eigenen Intelligenz zweifeln. Auf Seite 17 dann feststellen, dass Teil F schon auf Seite 4 hätte eingebaut werden müssen.

Am Ende steht immerhin etwas.

Beim Menschen gestaltet sich die Sache erheblich widerspenstiger. Da begegnet uns jemand, dieser reagiert heute anders als gestern, verhält sich bei Person A anders als bei Person B, möchte gleichzeitig Nähe und Ruhe, kann ausgesprochen vernünftig sein und fünf Minuten später eine Entscheidung treffen, bei der selbst die Kaffeekanne kurz irritiert schaut.

Das menschliche Gehirn besitzt für solche Zumutungen eine ausgesprochen praktische Lösung: Sortieren.

Der ist eben so.
Die ist schwierig.
Ich bin zu empfindlich.
Du bist konfliktscheu.
Sie ist kontrollierend.
Er kann keine Nähe.
Ich bin halt kompliziert.

Zack. Etikett drauf. Welt wieder aufgeräumt.

Nur blöd, wenn wir dabei nicht mehr das Verhalten beschreiben, sondern glauben, wir hätten gerade einen ganzen Menschen erklärt.


Ich sage dir nicht, wer du bist

Einer meiner wichtigsten Sätze in der Arbeit mit der Visuellen Systempsychologie lautet:

Ich sage dir nicht, wer du bist.
Ich mache sichtbar, was gerade mitwirken könnte.

Das klingt zunächst nach einem kleinen sprachlichen Unterschied. Ist es nicht.

„Du bist schwierig.“ beschreibt scheinbar einen Menschen. „Wann wird es für dich oder zwischen euch schwierig?“ untersucht einen Zusammenhang.

„Du bist unsicher.“ macht aus Unsicherheit beinahe eine Identität. „In welchen Situationen wirst du unsicher – und wann erstaunlicherweise nicht?“ öffnet eine Landkarte.

Genau da wird es interessant. Denn sobald etwas nicht immer, nicht überall und nicht mit jedem Menschen auftritt, haben wir möglicherweise weniger eine unveränderliche Eigenschaft gefunden als eine Dynamik.

Mal ’ne blöde Frage:

Wenn du wirklich „immer so“ bist – warum bist du dann manchmal anders? Diese Frage ist lästig. Schubladen mögen solche Fragen nicht besonders. Sie klemmen dann.


Ein Verhalten ist noch keine Persönlichkeit

Nehmen wir einen Menschen, der sich in einem Konflikt zurückzieht. Die schnelle Erklärung lautet:

„Der ist konfliktscheu.“

Kann stimmen. Damit wissen wir trotzdem fast nichts. Der Rückzug könnte beispielsweise auftreten, weil dieser Mensch:

  • eine Eskalation verhindern möchte,
  • Zeit zum Sortieren braucht,
  • gelernt hat, dass Streit verletzend oder gefährlich werden kann,
  • körperlich bereits stark aktiviert ist,
  • keine Worte findet,
  • keine Lust mehr auf eine immer gleiche Diskussion hat.

Das sind mögliche Zusammenhänge – keine vollständige Liste. Genau deshalb interessiert die VSP weniger:

Was für ein Mensch ist das?

Spannender sind Fragen wie:

Was passiert unmittelbar davor?
Was geschieht währenddessen?
Was passiert beim Gegenüber?
Was wird dadurch verstärkt oder abgeschwächt?
Wo läuft dieselbe Situation anders?

Plötzlich betrachten wir nicht mehr nur eine einzelne Handlung. Wir sehen Bedingungen, Erfahrungen, Erwartungen, Reaktionen und Wechselwirkungen.

Aus einer Schublade wird eine Landkarte.


Ich erkläre dich nicht. Ich übersetze Zusammenhänge.

Diesen Satz mag ich besonders:

Ich erkläre dich nicht.
Ich übersetze Zusammenhänge.

Denn „einen Menschen erklären“ klingt schnell danach, als wäre das Rätsel gelöst.

Aha! Jetzt weiß ich, weshalb du so bist! Tusch. Konfetti. Psychologische Akte geschlossen.

Dabei kann dieselbe sichtbare Reaktion sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Schweigen kann einerseits  Rückzug andererseits Nachdenken sein. Schweigen kann ebenso Schutz sein und gleichermaßen Zustimmung bedeuten.

Schweigen kann bedeuten:

„Ich weiß gerade nicht einmal, was ich darauf antworten soll.“

Das sichtbare Verhalten allein verrät uns seine Bedeutung nicht automatisch. Genau dort möchte ich langsamer werden.

Nicht:

„Schweigen bedeutet X.“

Sondern:

„Was könnte dieses Schweigen hier bedeuten?“

Die Antwort darf anschließend geprüft werden. Sie muss nicht schon feststehen, bevor wir die Frage gestellt haben.

Revolutionäres Konzept, ich weiß.


Muster sind nützlich – bis sie einen Personalausweis bekommen

Muster zu erkennen ist wichtig. Wiederholungen enthalten Information. Wenn jemand regelmäßig in ähnlichen Situationen ähnlich reagiert, lohnt es sich hinzusehen.

Problematisch wird es erst bei dieser kleinen Abkürzung:

Muster erkannt → Erklärung gefunden → Mensch fertig.

Ein Muster beschreibt zunächst:

Unter bestimmten Bedingungen geschieht etwas häufiger.

Mehr nicht. Deshalb lautet ein VSP-Satz:

Ich kartiere Muster, ohne daraus Schubladen zu bauen.

Eine Landkarte sagt:

Hier verläuft häufig ein Weg.

Eine Schublade sagt:

Hier gehörst du hinein.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Nehmen wir:

„Sobald ich glaube, Erwartungen nicht erfüllen zu können, ziehe ich mich zurück.“

Jetzt lässt sich etwas untersuchen. Wann entsteht dieser Eindruck? Wurde die Erwartung tatsächlich ausgesprochen? Welche Erwartungen ergänze ich selbst? Was verhindert mein Rückzug? Was ermöglicht er? Was kostet er? Wann gelingt mir etwas anderes?

Der Satz:

„Ich bin bindungsunfähig.“

liefert dagegen eine bemerkenswert eindrucksvolle Überschrift und erstaunlich wenige Informationen.


VSP sortiert Zusammenhänge – keine Menschen

Die Visuelle Systempsychologie darf durchaus sortieren. Sogar ziemlich viel. 

Zum Beispiel:

  • Situationen,
  • Konstellationen,
  • Umstände,
  • beteiligte Personen,
  • Orte,
  • Zeiten,
  • Gedanken,
  • Gefühle,
  • Erfahrungen,
  • innere Muster,
  • körpernahe Reaktionen,
  • Schutzstrategien,
  • Beziehungsdynamiken,
  • Möglichkeiten.

Arbeit gibt es genug. Der Mensch selbst muss dafür nicht in Fach 7B, Abteilung schwierig, Unterkategorie emotional anstrengend verschwinden.

Mich interessieren eher Unterschiede wie:

Was geschieht in mir?
Was wirkt von außen auf mich ein?
Was entsteht zwischen uns?
Was gehört möglicherweise zu früheren Erfahrungen?
Was gehört ausschließlich zu dieser konkreten Situation?
Was verändert sich, sobald eine Bedingung anders wird?

Diese Fragen machen etwas komplizierter. Gott sei Dank. Manches war vorher nämlich nur deshalb so schön einfach, weil wir die Hälfte weggelassen hatten.


Schubladen sind nicht grundsätzlich böse

Kategorien haben ihren Sinn. Ohne sie müssten wir jeden Morgen erneut untersuchen, ob ein Stuhl möglicherweise zum Sitzen geeignet sein könnte. Vier Beine. Sitzfläche. Rückenlehne. Hm. Interessantes Objekt.

Kategorien helfen uns, Informationen schnell einzuordnen. Auch psychologische Begriffe sind wichtig. Sie schaffen Sprache. Sie ermöglichen Forschung. Sie helfen, Erfahrungen zu beschreiben. Sie können erleichtern, weil jemand plötzlich merkt:

„Ah. Dafür gibt es einen Begriff.“

Das Problem beginnt nicht beim Begriff. Das Problem beginnt dort, wo der Begriff alles andere ersetzt.

Aus:

„Dieses Verhalten könnte mit Überanpassung zusammenhängen.“

wird:

„Du bist ein People Pleaser.“

Aus:

„Hier zeigt sich eine starke Rückzugstendenz.“

wird:

„Du bist bindungsängstlich.“

Aus einer Beobachtung wird eine Identität. Aus einer Landkarte wird ein Zaun.


„So bin ich eben“ – möglicherweise die bequemste Schublade überhaupt

Besonders interessant sind die Schubladen, die wir selbst tragen.

Ich bin halt schwierig.
Ich bin zu emotional.
Ich bin unsicher.
Ich bin jemand, der nie Nein sagen kann.
Ich bin nicht beziehungsfähig.
Ich bin einfach zu kompliziert.

Solche Sätze können jahrelang mitreisen. Irgendwann werden sie so vertraut, dass niemand mehr fragt:

Stimmt das eigentlich vollständig?

BFE – Mal ’ne blöde Frage:

Gilt diese Beschreibung wirklich immer? Bei allen Menschen? In allen Situationen? Zu jeder Tageszeit? Unter Sicherheit genauso wie unter Druck? Mit 20 genauso wie heute?

Wenn die Antwort nein lautet, besitzt das Etikett möglicherweise ein kleines Problem. Es beschreibt nicht dich.

Es beschreibt einen Teil deines Erlebens unter bestimmten Bedingungen. Das ist deutlich weniger dramatisch. Dafür erheblich brauchbarer.


„Mit mir kommt nicht jeder klar.“

Mein persönlicher Liebling.

„Mit mir kommt nicht jeder klar.“

Was bedeutet das eigentlich? Du stellst viele Fragen? Du möchtest Dinge genauer verstehen? Du bemerkst Widersprüche? Du brauchst länger für Entscheidungen? Du möchtest nicht jede gesellschaftlich frisch gebügelte Selbstverständlichkeit mit einem ehrfürchtigen „Jawohl“ quittieren?

Das kann kompliziert wirken. Je nach Perspektive könnte dasselbe Verhalten auch heißen: gründlich und differenziert, vorsichtig und neugierig, anstrengend und eigenständig.

Manchmal sogar alles gleichzeitig.

Die VSP würde deshalb nicht einfach das Wort kompliziert durch ein netteres Wort ersetzen.

Das wäre nur eine neue Schublade mit besserem Innenfutter.

Interessanter ist:

Was genau wird hier als kompliziert bezeichnet?

Eine Eigenschaft? Eine Reaktion? Eine Beziehung? Eine Situation? 

Deine eigene Wahrnehmung? Die Zuschreibung eines anderen?

Sobald wir das auseinanderziehen, wird aus einem pauschalen Urteil verwertbare Information.


Positive Schubladen können genauso eng werden

Nicht jede Schublade klingt gemein. Manche kommen mit Heiligenschein.

Du bist so stark.
Du bist die Vernünftige.
Du bist unser Fels.
Du bist so hilfsbereit.
Du schaffst doch immer alles.

Klingt nett. Bis der starke Mensch einmal zusammenklappt, die Vernünftige wütend wird oder der Fels keine Lust mehr hat, den gesamten Küstenabschnitt alleine zu tragen.

Wenn dann die Hilfsbereite Nein sagt oder der Mensch, der immer alles schafft, plötzlich verkündet:

„Heute könnt ihr euren Krempel ausnahmsweise selbst sortieren.“

... ja dann kommt eine ganze Zahnradindustrie aus dem Takt. 

Positive Zuschreibungen können ebenso Erwartungen erzeugen. Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur:

Wer sollst du sein?

Sondern:

Was darfst du offenbar nicht sein, wenn du dieses Bild erfüllen möchtest?

Da sitzt gelegentlich ziemlich viel Leben hinter einer sehr hübschen Schubladenfront.


Eine Landkarte hält Widersprüche besser aus

Menschen können gleichzeitig: lieben und wütend sein, Nähe wollen und Abstand brauchen, selbstbewusst auftreten und sich unsicher fühlen, verantwortungsvoll handeln und einen vollkommen bescheuerten Fehler machen, eine gute Absicht haben und trotzdem jemanden verletzen, verstanden werden können und trotzdem Verantwortung tragen.

Das macht Menschen nicht automatisch inkonsequent. Es macht sie menschlich.

Eine Schublade hat mit solchen Widersprüchen Schwierigkeiten. Eine Landkarte nicht.

Auf einer Landkarte können mehrere Dinge gleichzeitig existieren: Berge, Täler, Umwege, Sackgassen, Häfen, Strömungen, Nebel, offenes Wasser.

Niemand kommt auf die Idee, den Atlantik zu verurteilen, weil neben ruhiger See auch ein Sturm eingezeichnet wurde.

Beim Menschen sind wir gelegentlich weniger großzügig.


Verstehen heißt nicht schönreden

Hier möchte ich eine Grenze deutlich ziehen. Zusammenhänge zu betrachten heißt nicht:

„Ach, jetzt verstehen wir, warum jemand sich so verhält – dann ist ja alles gut.“

Nein. Manches Verhalten verletzt. Manches überschreitet Grenzen. Manches braucht Konsequenzen. Manche Beziehungen enden. Verstehen bedeutet nicht, Verantwortung aufzulösen.

Eine Erklärung ist kein Freispruch. Die VSP möchte trotzdem wissen:

Wie konnte etwas entstehen?

Denn erst wenn wir unterscheiden können, was wirkt, können wir klarer entscheiden, was wir damit tun möchten.

Manchmal lautet diese Entscheidung:

Das möchte ich verändern.

Manchmal:

Damit kann ich leben.

Manchmal:

Das gehört gar nicht zu mir.

Manchmal schlicht:

Das war scheiße. Das will ich nicht mehr.

Auch das ist Orientierung.


BFE – Noch ’ne blöde Frage

Nimm einen Satz über dich, den du häufig benutzt.

„Ich bin …“

Setz dein Lieblingsetikett ein. Jetzt mach daraus eine Untersuchung: Wann bin ich so? Wann bin ich nicht so? Bei wem tritt es auf? Was geschieht kurz davor? Was verändert die Situation? Was schützt dieses Verhalten möglicherweise? Was kostet es mich? Welche Fähigkeit könnte darin ebenfalls verborgen sein?

Die Antwort muss nicht nett sein. Sie muss nicht positiv sein. Sie darf schlicht genauer werden.


Was ich mit der VSP anbieten möchte

Ich möchte nicht herausfinden:

In welche Schublade gehörst du?

Mich interessiert:

Welche Zusammenhänge werden sichtbar?

Ich möchte dir nicht erklären:

Wer du bist.

Mich interessiert:

Was gerade wirkt.

Ich möchte aus einem Muster keine Identität machen. Mich interessiert:

Wann tritt es auf, wozu dient es, was kostet es und welche Möglichkeiten existieren daneben?

Die VSP sortiert Zusammenhänge und nicht Menschen. Sie kartiert Muster und nicht Identitäten.

Sie darf sichtbar machen, ohne endgültig festzulegen.


Mein Ausgangspunkt

Ich sage dir nicht, wer du bist.
Ich mache sichtbar, was gerade mitwirken könnte.
Ich erkläre dich nicht.
Ich übersetze Zusammenhänge.
Die VSP ordnet Zusammenhänge, ohne Menschen zu sortieren.
Sie kartiert Muster, ohne daraus Schubladen zu bauen.

Menschen sind keine Ikea-Regale. Zum Glück.

Sonst müssten wir irgendwann ernsthaft erklären, warum nach jeder Beziehung drei Schrauben übrig bleiben und bei wem sie vorher locker waren. Denn scheinbar weiß niemand mehr, ob sie wichtig, nichtig oder schnurzpiepegal  waren.

Verstehen. Orientieren. Neu wählen.

Nicht einsortieren.

Herzlichst, Jacqueline

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