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01 · WILLKOMMEN IM GEHEGE

Hier werden Gedanken nicht gefüttert. Sie müssen sich selbst verteidigen.

Es gibt Gedanken, die benehmen sich ausgesprochen anständig.

Sie kommen herein, setzen sich hin, nicken höflich und bestätigen ungefähr das, was man ohnehin schon wusste.

Mit denen haben wir hier wenig Ärger.

Interessanter sind die anderen. Die Gedanken, die morgens beim Zähneputzen plötzlich auftauchen und fragen: „Wer hat das eigentlich beschlossen?“

Oder die, die sich beim Autofahren neben einen setzen und beim Lesen irgendeines beneidenswert einfachen Lebensratschlags leise räuspern.

Die sich weigern, in eine hübsche Schublade zu steigen, nur weil auf dem Etikett bereits eine passende Erklärung wartet.

Für genau diese Exemplare gibt es jetzt ein Gehege. Keine Sorge, es ist großzügig bemessen. Mit ausreichend Freiraum, mehreren Ausgängen und einer ausgesprochen laschen Hausordnung.

Nur eine Regel gilt: Gedanken werden hier nicht automatisch geglaubt, nur weil sie überzeugend klingen.


Der Esel ist bereits da.

Er steht meistens irgendwo herum und sieht aus, als hätte er seit ungefähr 2007 den Verdacht, dass Menschen viele Dinge unnötig kompliziert machen.

Seine Spezialität: Fragen, bei denen man zunächst denkt: „Das ist jetzt aber sehr simpel.“… und drei Sekunden später feststellt, dass man trotzdem keine vernünftige Antwort darauf hat.

Der Esel mag Tatsachen. Konkretes. Boden unter den Hufen.

Wenn jemand sagt: „Du musst einfach loslassen.“ fragt er vermutlich: „Was?“

Wenn die Antwort lautet: „Na, das eben.“ fragt er: „Wohin?“

Damit endet erstaunlich viel Lebensberatung früher als geplant.


Der Kakadu ist ebenfalls eingezogen.

Er hat das Konzept der Zimmerlautstärke zur Kenntnis genommen und entschieden, dass es ihn nicht betrifft.

Seine Aufgabe ist weniger das vorsichtige Nachfragen. Der Kakadu interessiert sich für Konsequenzen. Besonders für diejenigen, die entstehen, wenn man einen wohlklingenden Satz einmal konsequent bis zum Ende denkt.

„Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst.“

Kakadu: „GUT. MORGEN PHOTOSYNTHESE.“

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Kakadu: „WO IST MEIN AMBOSS?“

„Sei einfach du selbst.“ Der Mensch ist er selbst.

Allgemeine Unruhe. Kakaduhaube: aktiviert.


Willkommen beim Gehegefunk.

Hier landen ab jetzt Gedanken, die mich beschäftigen.

Sätze, über die ich stolpere.

Widersprüche. Merkwürdigkeiten. Psychologische Erklärungen. Lebensweisheiten. Gesellschaftliche Erwartungen. Beziehungssätze. Selbstoptimierungsparolen.

Dinge, bei denen zunächst alle verständig nicken und der Esel fünf Minuten später fragt: „Moment mal.“

Es geht nicht darum, jeden Gedanken lächerlich zu machen. Das wäre genauso langweilig wie alles ungeprüft ernst zu nehmen.

Manche Gedanken werden sich im Gehege hervorragend schlagen. Andere verlieren unterwegs ein paar Federn. Einige bekommen Gesellschaft. Manche entdecken plötzlich eine Kehrseite. Wieder andere sitzen nach einer halben Stunde noch genauso da wie vorher – nur wissen wir inzwischen besser, warum.


Das hier wird keine Wahrheitssuchmaschine.

Freitags kommt ein Thema ins Gehege.

Nicht mit dem Auftrag: „Findet die richtige Antwort.“

Sondern eher: „Schaut mal, was ihr damit anfangen könnt.“ Dann darf es betrachtet werden.

Von vorne. Von hinten. Von unten.

Aus der Sicht desjenigen, der darunter leidet. Aus der Sicht desjenigen, der davon profitiert.

Aus gesellschaftlicher Perspektive. Aus psychologischer. Aus völlig banaler.

Gelegentlich aus einer Perspektive, die niemand bestellt hat. Dafür haben wir den Kakadu.


Menschen lieben klare Antworten. Kann ich verstehen.

Klare Antworten sind gemütlich. Sie sparen Energie. Sie geben Orientierung. Sie passen hervorragend auf quadratische Grafiken.

Das Problem beginnt dort, wo aus: „Das könnte eine Erklärung sein.“ unbemerkt „So ist es.“ wird.

Genau dort beginnt dieses Gehege interessant zu werden.


Was hier ausdrücklich erlaubt ist

Ein Gedanke darf widersprüchlich sein. Eine Frage darf offenbleiben.

Zwei Perspektiven dürfen gleichzeitig plausibel sein. Etwas darf hilfreich sein, ohne universell gültig zu werden.

Ein Satz darf großartig klingen und trotzdem irgendwo gewaltig hinken. 

Ein Erlebnis muss nicht zwangsläufig eine höhere kosmische Bedeutung besitzen.

Manchmal lautet die Erkenntnis schlicht: „Nun ja. Das war ziemlich bescheuert.“ Auch das ist Erkenntnis.


Der Gehegefunk möchte keine Gewissheiten durch neue Gewissheiten ersetzen.

Dafür gibt es bereits genügend Abteilungen im Internet.

Hier geht es eher um einen kleinen Zwischenraum.

Zwischen: „Das stimmt.“ und „Moment – stimmt das eigentlich immer?“

Zwischen: „So sollte man leben.“ und „Wer genau hat diese Betriebsanleitung geschrieben?“

Zwischen: „Ich müsste …“ und „Müsste ich wirklich?“


Freitag wird gefüttert.

Ein Gedanke kommt herein.

Der Esel schaut ihn an.  Der Kakadu stellt den Kamm.Ich setze mich dazu.

Was anschließend passiert, kann niemand garantieren.

Nur eines schon: Der Gedanke bekommt Freigang.

Willkommen im Gehege.

Der Zoo übernimmt keine Haftung für beschädigte Gewissheiten.

Herzlichst, Jacqueline

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