
„Warum bist du nicht einfach gegangen?“

Herrlicher Satz. Kann eine echte Frage sein.
Kann auch der sprachgewordene Vorschlaghammer sein. Im besten Fall will jemand wirklich verstehen:
Was hat dich damals bewogen zu bleiben?
Was sprach dafür?
Was dagegen?
Was war schwer?
Was war noch gar nicht sichtbar? Dann ist das Fragezeichen offen.
Dann darf die Antwort kompliziert sein.
Dann darf da Angst drin sein, Liebe, Hoffnung, Abhängigkeit, Erschöpfung, Verwirrung, Kinder, Geld, Loyalität, Scham oder der schlichte Umstand, dass Menschen mitten in einer Situation selten mit dem Wissen von acht Jahren später herumlaufen.
Problematisch wird es, wenn aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen wird: „Warum bist du nicht einfach gegangen?!“ Dann liegt die Lösung häufig schon geschniegelt auf dem Tisch:
Wie praktisch.
Rückblickend sind wir alle erstaunlich talentierte Lebensberater.
Dienstag, 14:32 Uhr im Jahr 2018 wäre laut heutiger Klarsicht vermutlich der perfekte Moment gewesen, alles anders zu machen. Großartig. Nur leicht verspätet.
In der reinen zweiten Stufe interessiert nicht mehr deine damalige Wirklichkeit.
Die eigene Lösung wird wichtiger.
Dann kommt Stufe drei:
Nicht mehr die Situation ist das Problem.
Nicht mehr die Entscheidung ist das Problem.
Du bist das Problem.
Aus „Du hättest anders handeln können“ wird „Dann bist du eben selbst schuld.“
Und zack – fertig ist der verbale Totschläger. Keine Auseinandersetzung mehr.
Keine Neugier. Keine Würdigung der damaligen Lage.
Nur noch:
„Löffel deine Suppe selbst aus.“
Für mich ist die Sache ziemlich klar: Eine Frage ist nur dann eine Frage, wenn die Antwort noch offen sein darf. Alles andere ist kein Gespräch.
Das ist Lösungstheater mit angehängter Anklage.
Herzlichst, Jacqueline