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Muss ich meine Gefühle wirklich heilen?

Oder dürfen sie verdammt noch mal erst einmal ihren Job machen?

Es gibt Sätze, die klingen so vernünftig, dass man ihnen beinahe automatisch einen kleinen psychologischen Heiligenschein aufsetzt.

Emotionen zeigen dir, was noch geheilt werden muss.

Klingt tief. Klingt nach persönlicher Entwicklung. Klingt nach Räucherstäbchen mit Fortbildungszertifikat.

Nur habe ich da eine blöde Frage: Was genau ist eigentlich an meiner Emotion kaputt?

Wenn ich traurig bin, weil ein Mensch gestorben ist – wo befindet sich mein Defekt?

Wenn ich wütend werde, weil jemand zum fünften Mal eine Vereinbarung missachtet – welche innere Wunde muss jetzt dringend auf die Werkbank?

Wenn ich Angst habe, weil eine Untersuchung bevorsteht, deren Ergebnis tatsächlich unangenehm sein könnte – soll ich meine Angst transformieren oder darf mein Nervensystem kurz bemerken, dass die Lage nun einmal unsicher ist?

Emotionen sind unangenehm, wunderschön, irritierend, körperlich, widersprüchlich, manchmal vollkommen überzogen und gelegentlich erschreckend treffsicher.

Nur eines sind sie nicht automatisch: Reparaturaufträge.


Emotionen sind keine kaputten Glühbirnen

In der Psychologie werden Emotionen nicht grundsätzlich als Fehler betrachtet, die beseitigt oder in eine höhere Form überführt werden müssen.

Je nach theoretischem Modell spielen verschiedene Komponenten zusammen: Wahrnehmung und Bewertung einer Situation, körperliche Veränderungen, Aufmerksamkeit, subjektives Erleben, Erinnerungen, Handlungsbereitschaften, Ausdruck und soziale Situation.

Angst kann Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahr lenken.

Wut kann Energie zur Verfügung stellen, wenn etwas als ungerecht, hinderlich oder grenzüberschreitend bewertet wird.

Trauer kann auf Verlust reagieren.

Ekel kann Abstand zu etwas fördern, das als schädlich oder abstoßend wahrgenommen wird.

Freude kann Verhalten verstärken, Verbindung unterstützen und Annäherung fördern.

Scham kann mit unserer Einschätzung sozialer Normen und unseres eigenen Verhaltens zusammenhängen.

Kein eingebauter Mechanismus trägt dabei ein Namensschild: „Hallo, ich bin deine ungelöste Heilungsaufgabe aus dem Jahre 1987.“

Das bedeutet keineswegs, dass Emotionen niemals mit älteren Erfahrungen zusammenhängen. Natürlich können sie das. Eine heutige Situation kann Erinnerungen aktivieren. Frühere Lernerfahrungen können beeinflussen, wie schnell ich etwas als gefährlich, beschämend oder bedrohlich einschätze. Erwartungen können meine Wahrnehmung verändern. Körperliche Erschöpfung kann meine Reizschwelle verschieben. Wiederkehrende Beziehungserfahrungen können beeinflussen, womit ich rechne.

Nur folgt daraus nicht: Emotion vorhanden = Vergangenheit ungeheilt.

Da fehlt ein erstaunlich großer Teil des menschlichen Lebens zwischen Ursache und Urteil.


BFE: Seit wann haben Emotionen eine Stellenbeschreibung?

Eine besonders hübsche Idee lautet, Emotionen hätten einen bestimmten „wahren Zweck“.

Da kratzt doch glatt mein innerer Querulant bereits mit dem Skalpell über den Tisch. Welchen?

Den einen? Immer? Für jeden Menschen? In jeder Situation?

Wut hat beispielsweise nicht automatisch dieselbe Funktion. Sie kann eine Grenze mobilisieren und/oder einen Status verteidigen. Sie kann eine erlebte Ungerechtigkeit markieren und gleichzeitig  Hilflosigkeit überdecken. Sie kann Konflikte eskalieren und kurzfristig Durchsetzungsfähigkeit erhöhen.

Sie kann aus Überforderung entstehen, gelernt worden sein und durch Schlafmangel verstärkt werden. Manchmal kann sie sich gegen den vollkommen falschen Menschen richten oder auch ziemlich genau passen.

Willkommen im menschlichen Organismus. Schön unordentlich hier.

Mal ’ne blöde Frage:

Seit wann besitzen Emotionen eine universelle Stellenbeschreibung?

Wissenschaftlich interessanter ist deshalb nicht: „Wozu ist Wut da?“ sondern: „Welche Funktion könnte diese Wut in dieser Situation gerade erfüllen?“

Dieses kleine „könnte“ ist kein wachsweicher Ausweg. Es verhindert lediglich, dass aus einer Hypothese plötzlich eine Offenbarung wird.


Eine Emotion kann Information liefern – ohne die Wahrheit zu besitzen

Hier liegt ein Gedanke, den ich ausgesprochen wertvoll finde: Emotionen können Hinweise sein.

Nur sollten wir ihnen weder den Vorsitz im Wahrheitsministerium noch eine Kristallkugel geben. Angst kann sagen: „Ich nehme Gefahr wahr.“ Sie sagt nicht automatisch: „Gefahr objektiv bestätigt.“

Wut kann sagen: „Ich bewerte etwas als ungerecht oder grenzüberschreitend.“ Sie sagt nicht automatisch: „Das Gericht hat entschieden: Der andere ist schuldig.“

Scham kann sagen: „Ich befürchte, gegen eine Norm verstoßen zu haben.“ Sie sagt nicht: „Ich bin ein minderwertiger Mensch.“

Eifersucht kann auf Verlustbefürchtungen, Unsicherheit oder frühere Erfahrungen hinweisen. Sie kann ebenso im Zusammenhang mit tatsächlich widersprüchlichem oder vertrauensverletzendem Verhalten auftreten.

Trauer kann schlicht bedeuten: „Etwas, das mir wichtig war, ist nicht mehr da.“ Keine Pathologie nötig. Keine kosmische Lektion zwingend erforderlich. Kein inneres Kind muss aus dem Keller gezerrt werden, nur weil ein erwachsener Mensch auf einen tatsächlichen Verlust traurig reagiert.

Emotionen können also Information enthalten, ohne deshalb unfehlbare Informanten zu sein. Das ist ein Unterschied, den ich für ziemlich wichtig halte.


Das Wort „Heilung“ trägt einen kleinen Koffer mit

„Heilung“ klingt zunächst freundlich. Wer möchte schon gegen Heilung sein? Genau deshalb lohnt sich ein Blick in das Handgepäck dieses Wortes. Denn sobald ich sage: „Deine Emotion zeigt, was geheilt werden muss“ habe ich bereits mehrere Annahmen getroffen: Etwas stimmt nicht. Etwas ist verletzt. Etwas ist defizitär. Etwas befindet sich nicht im gewünschten Zustand. Etwas muss verändert werden.

Das kann zutreffen. Es muss nur nicht.

BFE:

Als wie kaputt muss ich mich eigentlich betrachten, wenn jede unangenehme Emotion automatisch beweist, dass irgendwo in mir etwas repariert werden muss? Noch gemeiner: Darf ein Mensch irgendwann auch einfach stinksauer sein, weil etwas tatsächlich stinkt?

Diese Frage gefällt mir. Nicht jede Wut ist weise. Nicht jede Angst ist angemessen. Nicht jede Trauer bildet ausschließlich die Gegenwart ab. 

Nur gilt ebenso: Nicht jede Wut ist Trauma.
Nicht jede Angst ist Projektion.
Nicht jede Trauer ist Festhalten.
Nicht jede Enttäuschung beweist eine unerfüllte Kindheitssehnsucht.

Manchmal ist eine Vereinbarung gebrochen worden. Manchmal wurde Vertrauen beschädigt. Manchmal steht real etwas auf dem Spiel. Manchmal hat jemand etwas gesagt, das ziemlich daneben war. Manchmal haben wir selbst Mist gebaut. Manchmal sind wir müde. Manchmal reagiert ein altes Muster. Manchmal wirken fünf dieser Dinge gleichzeitig.

Genau deshalb gefällt mir Psychologie besser, wenn sie seziert, statt wahrsagt.


Was emotionale Reife NICHT sein müsste

Emotionale Reife müsste meiner Ansicht nach nicht bedeuten: immer ruhig zu sein, keine starken Gefühle zu haben, alles sofort verstehen zu können, jede Emotion in etwas Positives umzuwandeln, nie impulsiv zu reagieren, keine Konflikte zu haben, alles vergeben zu müssen, stets gelassen auf Grenzüberschreitungen zu reagieren, sich von nichts mehr berühren zu lassen.

Das wäre keine emotionale Reife. Das wäre eine ziemlich merkwürdige Mischung aus Buddha-Statue, Kundendienstmitarbeiter und emotionalem Teflon.

Menschen fühlen. Menschen reagieren. Menschen irren. Menschen lernen. Menschen merken manchmal erst drei Stunden später, was sie eigentlich getroffen hat.

Menschen können etwas intellektuell verstanden haben und emotional trotzdem noch völlig woanders stehen. Das gehört zum Paket.


Was emotionale Reife stattdessen bedeuten könnte

Hier wird es für mich spannend.

Emotionale Reife könnte heißen: Ich bemerke, was ich fühle.

Nicht erst, nachdem drei Türen geknallt haben und der Familienchat brennt.

Ich unterscheide Gefühl, Bewertung und Tatsache. „Ich fühle mich übergangen“ ist nicht automatisch dasselbe wie „Du hast mich absichtlich übergangen“.

Ich prüfe mögliche Auslöser. Aktuelles Ereignis oder Erwartung oder Erinnerung oder körperlicher Zustand oder Stress oder Konflikt oder alles oder nichts davon?

Ich untersuche die Funktion. Was mobilisiert diese Emotion? Was verändert sie? Was will ich aufgrund dieser Emotion gerade tun?

Ich überprüfe meine Interpretation. Welche Informationen habe ich? Welche fehlen? Welche andere Erklärung wäre möglich?

Ich übernehme Verantwortung für mein Verhalten. Wütend sein ist eines. Jemanden beschimpfen ist ein Verhalten. Angst haben ist eines. Einem anderen deshalb das Leben kontrollieren zu wollen ist ein Verhalten. Hier beginnt Verantwortung. Nicht beim Verbot der Emotion.

Ich kann meine Einschätzung verändern, wenn neue Informationen auftauchen. Das ist Reife.

Ich kann ebenso bei meiner Einschätzung bleiben, wenn sie sich bestätigt. Das gehört genauso dazu.

Emotionale Reife bedeutet schließlich nicht, sich so lange selbst zu hinterfragen, bis der andere automatisch Recht bekommt.


Halt. Die Emotion könnte sogar richtig liegen.

Dieser Gedanke fehlt mir in vielen Lebenshilfe-Modellen erstaunlich oft. Die Emotion wird untersucht. Die Vergangenheit wird untersucht. Das innere Kind wird untersucht. Die Glaubenssätze werden untersucht. Die Projektion wird untersucht. Die Bindungsangst wird untersucht. Die Ahnen könnten vorsorglich ebenfalls noch einmal zur Befragung gebeten werden.

Nur auf eine geradezu unverschämte Idee kommt manchmal niemand: Was, wenn die Situation tatsächlich problematisch ist? Was, wenn die Wut nicht hauptsächlich beweist, dass ich ein Thema mit Autorität habe? Was, wenn jemand gerade tatsächlich respektlos handelt? Was, wenn meine Unsicherheit nicht ausschließlich aus mangelndem Selbstwert stammt? Was, wenn die Kommunikation tatsächlich widersprüchlich ist? Was, wenn ich deshalb enttäuscht bin, weil etwas versprochen und nicht eingehalten wurde?

Das bedeutet nicht automatisch, dass meine Interpretation vollständig stimmt. Es bedeutet: Die Außenwelt darf bei der Ursachenforschung wieder mitmachen. Revolutionär.


Vergangenheit ODER Gegenwart? Falsche Frage.

Ein weiterer Klassiker lautet: „Du reagierst gar nicht auf die Gegenwart. Das ist deine Vergangenheit.“ Ach. Könnte beides sein?

Eine aktuelle Situation kann real problematisch sein und eine alte Erfahrung aktivieren. Jemand kann mich heute tatsächlich unfair behandeln und meine Reaktion kann aufgrund früherer Erfahrungen intensiver ausfallen. Meine Angst kann durch Lerngeschichte geprägt sein und die aktuelle Situation kann echte Unsicherheit enthalten. Meine Eifersucht kann mit eigener Verlustangst zusammenhängen und das Verhalten meines Partners kann tatsächlich Vertrauen erschweren.

Menschen sind keine Lichtschalter. Vergangenheit: aus. Gegenwart: an.

Mehrere Prozesse können gleichzeitig wirken.

VSP interessiert deshalb eher: Was wirkt gerade zusammen?

Welche Gedanken? Welche Erinnerungen? Welche Erwartungen? Welche körperlichen Reaktionen? Welche Bewertungen? Welche Verhaltensweisen? Welche Bedingungen? Welche Personen? Welche Konstellation? Welcher Zeitpunkt? Welche Konsequenzen? Welcher Zweck – falls überhaupt einer erkennbar ist?

Das ist komplizierter als: „Dein Thema.“

Bedauerlich für Instagram. Großartig für ernsthafte Psychologie.


Emotionsregulation ist keine emotionale Schönheitsoperation

Psychologisch interessant ist außerdem der Begriff Emotionsregulation.

Regulation bedeutet nicht zwingend, eine Emotion verschwinden zu lassen. Ich kann Einfluss nehmen auf: meine Aufmerksamkeit, meine Bewertung, meine körperliche Aktivierung, meinen Ausdruck, mein Verhalten, meine Reaktion auf einen Impuls, meine Situation.

Manchmal besteht gute Regulation darin, mich zu beruhigen. Manchmal darin, etwas anzusprechen. Manchmal darin, erst morgen zu antworten. Manchmal darin, den Raum zu verlassen. Manchmal darin, zu bleiben. Manchmal darin, Unterstützung zu suchen. Manchmal darin, eine Grenze zu setzen. Manchmal darin, festzustellen: „Ich habe mich geirrt.“ Manchmal: „Nein. Nach nochmaligem Hinsehen finde ich es immer noch nicht in Ordnung.“

Regulation bedeutet Wahlmöglichkeiten. Nicht Gefühlswäsche bei 60 Grad.


BFE-Gegenprobe: Wie viel Reparaturbedarf verträgt ein Mensch?

Probieren wir einmal die Gegenprobe. Angenommen, jede unangenehme Emotion zeigt einen Heilungsbedarf.

Dann bin ich wütend.→ Heilung nötig. Ich widerspreche der Interpretation.→ Widerstand. Ich fühle mich durch die Zuschreibung nicht verstanden.→ alte Verletzung. Ich halte meine ursprüngliche Einschätzung weiterhin für plausibel.→ Festhalten. Ich werde darüber noch wütender.→ tiefere Schicht. Herzlichen Glückwunsch.

Wir haben ein Modell gebaut, das nicht mehr verlieren kann. Jede Reaktion bestätigt die Theorie. Jeder Widerspruch bestätigt die Theorie. Jede Zustimmung bestätigt selbstverständlich ebenfalls die Theorie.

Wissenschaftlich wird es an solchen Stellen interessant, weil wir fragen müssen: Welche Beobachtung könnte diese Annahme eigentlich widerlegen?

Wenn die Antwort lautet: keine, haben wir möglicherweise keine überprüfbare Erklärung mehr, sondern ein geschlossenes Deutungssystem. Das darf jemand persönlich hilfreich finden. Nur sollte ein solches Modell nicht mit wissenschaftlicher Gewissheit verwechselt werden.


Mal ’ne wirklich blöde Frage: Was, wenn nichts geheilt werden muss?

Dieser Satz gefällt mir fast am besten. Was, wenn nichts geheilt werden muss?

Nicht für immer. Nicht grundsätzlich. Nur genau jetzt.

Was, wenn Trauer gerade Trauer sein darf? Was, wenn Enttäuschung ein angemessener Preis dafür ist, dass mir etwas wichtig war? Was, wenn Angst gerade Unsicherheit begleitet? Was, wenn Wut mir Energie gibt, um eine notwendige Entscheidung zu treffen? Was, wenn Freude keinerlei tiefere Aufgabe erfüllt und einfach nur verdammt schön ist? Was, wenn mein inneres Erleben nicht permanent Bewerbungsgespräch für die nächste Entwicklungsstufe führen muss?

Persönliche Entwicklung kann großartig sein. Selbstreflexion kann enorm hilfreich sein. Psychologische Werkzeuge können Handlungsspielräume erweitern.

Nur sollte der Mensch nicht irgendwann zum ewigen Renovierungsobjekt werden.

Hier noch eine Wunde.
Dort noch ein Muster.
Hinten links ein Glaubenssatz.
Im Keller vermutlich ein Schattenanteil.
Dachstuhl bitte ebenfalls transformieren.

Irgendwann darf man vielleicht auch einfach wohnen.


Die VSP-Gegenprobe

Darum würde ich bei einer starken Emotion nicht automatisch fragen: „Was muss ich heilen?“

Ich würde vorher ein paar andere Fragen hineinwerfen: Was genau fühle ich? Was ist tatsächlich passiert? Was davon ist meine Interpretation? Welche Informationen fehlen mir? Welche Funktion könnte die Emotion gerade erfüllen? Welche Bedingungen beeinflussen sie? Spielt meine Vergangenheit hinein? Wenn ja: wie stark? Spielt die Gegenwart hinein? Welche anderen Erklärungen sind möglich? Was passiert, wenn ich meinem ersten Impuls folge? Was passiert, wenn ich gar nichts tue? Braucht überhaupt etwas Veränderung?

Erst danach darf „Heilung“ meinetwegen wieder anklopfen. Nur bitte mit Termin.


Emotionale Reife könnte viel unspektakulärer sein

Keine Erleuchtung. Kein Zustand ewiger Gelassenheit. Kein Mensch, der auf jede Beleidigung mit einem milden Lächeln und warmem Kamillentee reagiert.

Emotionale Reife könnte schlicht darin liegen, dass ich zunehmend besser unterscheiden kann: Was fühle ich? Was denke ich darüber? Was weiß ich? Was vermute ich? Was brauche ich? Was möchte ich tun? Welche Folgen hätte das? Welche Verantwortung gehört zu mir? Welche ausdrücklich nicht? Darin steckt für mich wesentlich mehr Menschlichkeit als in der Forderung, jede unangenehme Regung möglichst rasch in persönliches Wachstum zu verwandeln.


Der Störenfried zum Schluss

Emotionen sind nicht automatisch Weisheit. Emotionen sind nicht automatisch Wahrheit. Emotionen sind nicht automatisch Vergangenheit. Emotionen sind nicht automatisch Krankheit. Emotionen sind nicht automatisch Heilungsbedarf. Emotionen sind nicht automatisch harmlos. Emotionen sind nicht automatisch gefährlich.

Sie sind zunächst: Teil menschlichen Erlebens. Manchmal liefern sie erstaunlich gute Hinweise. Manchmal erzählen sie alten Käse. Manchmal reagieren sie auf reale Ereignisse. Manchmal mischt die Vergangenheit kräftig mit. Manchmal wird aus einem kleinen Anlass ein inneres Feuerwerk. Manchmal wäre es ausgesprochen dämlich, ihre Warnung zu ignorieren.

Mal ’ne blöde Frage:

Könnte emotionale Reife nicht gerade darin bestehen, all das unterscheiden zu lernen – statt jede Emotion sofort auf die psychologische Hebebühne zu fahren?

Denn nicht jede unangenehme Emotion ist ein Reparaturauftrag.

Manchmal ist sie eine ziemlich angemessene Antwort darauf, dass Leben gerade Leben macht.

Und manchmal läuft tatsächlich etwas beschissen. Dann darf man durchaus nachsehen, was draußen passiert, bevor man sich drinnen vorsorglich komplett renoviert.

Herzlichst, Jacqueline

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