
ELAM in 10 Sätzen – Teil 1

Man könnte natürlich versuchen, das Leben endlich ordentlich hinzubekommen.
Ein paar ungünstige Muster entfernen. Drei Glaubenssätze austauschen. Das innere Kind gründlich durchlüften. Grenzen setzen, Selbstwert steigern, Nervensystem regulieren, toxische Menschen aussortieren und anschließend bitte vollständig geheilt, authentisch und emotional verfügbar zum Frühstück erscheinen.
Klingt anstrengend. Vor allem klingt es verdächtig nach einer weiteren Stellenbeschreibung für den Beruf „Mensch – leider noch nicht ganz fertig“.
ELAM – Expedition: Leben als Mensch – beginnt deshalb an einer anderen Stelle.
Nicht mit der Frage: Was stimmt mit mir nicht? Sondern zunächst mit: Wo bin ich eigentlich gerade – und was gibt es hier zu sehen?
ELAM betrachtet das Leben nicht als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Gelände, in dem Orientierung möglich ist.
Probleme haben etwas Verführerisches. Sie versprechen nämlich, dass irgendwo eine Lösung herumliegt.
Richtiges Problem erkannt, richtige Methode angewendet, richtige Schraube gedreht – zack, Mensch funktioniert wieder.
Dummerweise hält sich menschliches Leben nur ausgesprochen unzuverlässig an Bedienungsanleitungen.
Liebe lässt sich nicht ausrechnen. Abschiede können richtig sein und trotzdem wehtun. Entscheidungen können sinnvoll sein und später korrigiert werden müssen. Menschen können gleichzeitig mutig und ängstlich, großzügig und genervt, klar und völlig orientierungslos sein.
Gelände eben. Mal Asphalt. Mal Geröll. Mal Rückenwind. Mal steht man knietief im Morast und irgendein kluger Mensch vom sicheren Ufer ruft: „Du musst nur loslassen!“
Herzlichen Dank, Reinhold Messner der Persönlichkeitsentwicklung.
ELAM möchte an dieser Stelle weder das Gelände beschimpfen noch so tun, als sei jeder Sumpf eine wundervolle Lernchance.
Manches ist schlicht schwierig. Manches war unnötig. Manches war richtig beschissen.
Orientierung bedeutet nicht, alles schönzureden. Orientierung bedeutet zunächst zu erkennen, wo man steht, was wirkt und welche Wege überhaupt vorhanden sind.
Was wäre eigentlich, wenn dein derzeitiges Problem gar kein Beweis für persönliches Versagen wäre?Was wäre, wenn du dich gerade schlicht in einem Gelände befindest, für das deine bisherige Karte nicht besonders brauchbar ist?
Du musst nicht erst ein besserer, geheilterer oder optimierterer Mensch werden, um dein eigenes Leben gestalten zu dürfen.
Dieser Satz dürfte einigen Teilen der Selbstoptimierungsindustrie leichte Magenbeschwerden verursachen. Schließlich lebt ein beachtlicher Markt davon, Menschen zunächst freundlich darauf hinzuweisen, was ihnen alles fehlt.
Mehr Selbstliebe. Mehr Klarheit. Mehr Disziplin. Mehr Weiblichkeit. Mehr Männlichkeit. Mehr Grenzen. Weniger Ego. Mehr Ego. Heilung natürlich auch noch. Irgendetwas ist immer.
ELAM stellt eine ziemlich unverschämte Gegenfrage: Wer hat eigentlich beschlossen, dass du erst eine Prüfung bestehen musst, bevor du dein eigenes Leben gestalten darfst?
Persönliche Entwicklung kann großartig sein. Veränderung kann entlasten, befreien, erweitern und vollkommen neue Möglichkeiten eröffnen.
Der kleine Unterschied liegt darin, ob Entwicklung aus Interesse und eigener Entscheidung entsteht oder aus der Überzeugung, gegenwärtig noch nicht ausreichend Mensch zu sein.
Du darfst lernen. Du darfst dich verändern. Du darfst feststellen, dass dir etwas an dir oder deinem Verhalten nicht gefällt. Du darfst genauso sagen: „Das bleibt. Damit kann ich leben.“
Revolutionär, ich weiß.
Erst schauen wir, was da ist, wie es entstanden sein könnte und wozu es einmal sinnvoll gewesen sein mag.
ELAM mag die Frage „Warum machst du das?“ nicht besonders, wenn sie eigentlich bedeutet: „Wann hörst du endlich damit auf?“
Verhalten fällt selten morgens frisch verpackt vom Himmel.
Menschen entwickeln Strategien. Manche helfen lange hervorragend und werden später unbequem. Anpassung kann Zugehörigkeit sichern. Kontrolle kann Sicherheit vermitteln. Rückzug kann vor Überforderung schützen. Misstrauen kann nach schlechten Erfahrungen ausgesprochen vernünftig gewesen sein.
Das bedeutet nicht, dass jede Strategie für immer hilfreich bleibt. Es bedeutet lediglich: Bevor wir etwas aus einem Menschen herausoperieren wollen, könnten wir uns ansehen, warum es überhaupt dort gelandet ist.
Verstehen ist keine Generalamnestie. Eine Erklärung macht verletzendes Verhalten nicht automatisch akzeptabel. Genau dort wird es spannend. Ich kann verstehen, wie etwas entstanden sein könnte, ohne deshalb zu verlangen, dass andere Menschen es auf Dauer ertragen müssen.
Ich kann ebenso verstehen, warum ich selbst etwas tue, ohne daraus die Verpflichtung abzuleiten, es bis zum Lebensende weiterzuführen.
Was, wenn das, was du heute an dir bekämpfst, irgendwann einmal ziemlich intelligent war? Welche neue Möglichkeit entsteht, wenn du es nicht zuerst beschimpfen musst?
Eine Landkarte darf Orientierung geben, ohne dir vorzuschreiben, welchen Weg du gehen musst.
Hier liegt einer der wichtigsten Unterschiede zwischen ELAM und einer weiteren großen Theorie darüber, wie Menschen gefälligst funktionieren sollten.
Eine Karte sagt: Hier könnte ein Berg sein. Dort verläuft ein Fluss. Dieser Weg endet möglicherweise an einer Klippe.
Eine Karte sagt nicht: Du bist moralisch verpflichtet, links abzubiegen.
VSP, Nautik, ELSTER, BFE und andere Werkzeuge innerhalb von ELAM sollen genau das sein: Möglichkeiten, etwas sichtbarer zu machen.
Keine Priesterschaft. Keine neue psychologische Straßenverkehrsordnung. Keine Diagnosemaschine mit dekorativem Kompass.
Menschen dürfen auf dieselbe Situation schauen und zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen.
Eine Beziehung kann repariert werden. Eine Beziehung kann beendet werden.
Ein Konflikt kann angesprochen werden. Ein Konflikt kann bewusst nicht weitergeführt werden.
Ein Mensch darf kämpfen. Ein Mensch darf gehen.
Entscheidend ist nicht, ob irgendein Ratgeber den Weg genehmigt hat. Entscheidend ist, ob du siehst, was du tust, warum du es tust und welche möglichen Folgen dein Weg hat.
Gedanken, Gefühle, Muster, Beziehungen, Erfahrungen und Widersprüche sind keine Beweise dafür, wer du bist – sie sind Informationen über dein gegenwärtiges Gelände.
„Ich habe Angst.“ wird erstaunlich schnell zu: „Ich bin ängstlich.“ „Ich habe versagt.“ wird zu: „Ich bin ein Versager.“ „Ich habe mich angepasst.“ wird zu: „Ich bin schwach.“
Ein paar sprachliche Zentimeter – und schon ist aus einem Erlebnis eine Identität geworden.
ELAM möchte diesen Automatismus wenigstens stören. Nicht alles, was in dir auftaucht, ist eine Wahrheit über dich. Ein Gedanke kann ein Gedanke sein. Ein Gefühl kann ein Gefühl sein. Eine Erinnerung kann eine Erinnerung sein. Ein Muster kann eine bislang häufig genutzte Möglichkeit sein.
Das klingt unspektakulär. Die Konsequenz ist es nicht.
Denn sobald etwas Information statt Urteil wird, entsteht ein kleiner Zwischenraum. In diesem Zwischenraum beginnt Wahl.
ELAM verspricht nicht, aus Menschen endlich die Version zu machen, die sie längst hätten sein sollen.
Die Expedition beginnt viel unspektakulärer: Schauen. Was ist da? Was wirkt? Was gehört zu mir? Was habe ich übernommen? Was schützt mich? Was kostet mich etwas? Was möchte ich behalten? Was möchte ich verändern? Welche Antwort weiß ich schlicht noch nicht?
Genau dort beginnt Orientierung. Nicht am perfekten Zielpunkt.
Am gegenwärtigen Standort.