16 Aug
16Aug


Menschen glauben erstaunlich viel. Über sich. Über andere. Über Beziehungen. Über Liebe, Leistung, Loyalität, Erfolg, Scheitern, Anstand, Verantwortung und darüber, wie das Leben sich gefälligst zu benehmen hätte.

Praktischerweise fühlen sich viele dieser Überzeugungen irgendwann nicht mehr wie Überzeugungen an. Sie fühlen sich an wie Tatsachen.

„Ich bin schwierig.“ „Menschen verlassen mich.“ „Wenn jemand mich liebt, müsste er wissen, was ich brauche.“ „Kritik bedeutet Ablehnung.“ „Ich bin außergewöhnlich.“ „Ich bin mickrig.“

Der innere Abschlussbericht liegt längst auf dem Tisch. Die Welt bekommt anschließend nur noch die Aufgabe, Beweise dafür zu liefern.

Der Glaube bestimmt, was du siehst

Wer überzeugt davon ist, grandios zu sein, kann nahezu alles verwerten.

Lob? Endlich erkennt es jemand.

Kritik? Neid. 

Widerspruch? Der andere fühlt sich bedroht. 

Schweigen? Offenbar eingeschüchtert. 

Beeindruckendes System. Noch faszinierender funktioniert dasselbe im Keller. Wer von sich glaubt, wenig wert zu sein, findet ebenfalls zuverlässig Bestätigung.

Kritik? Da haben wir es.

Lob? Nur nett gemeint.

Ermutigung? Offenbar sieht man mir an, wie nötig ich sie habe.

Liebe? Der andere kennt mich eben noch nicht richtig.

Ablehnung? Ich wusste es.

So wird ein Glaubenssatz praktisch widerlegbar. 

Nicht die Reaktion des anderen bestimmt dann meinen Wert. Mein bereits vorhandenes Urteil bestimmt, was die Reaktion des anderen bedeuten darf.

Andere Menschen als unfreiwillige Beweismittel

Das macht Beziehungen ausgesprochen interessant. 

Wir glauben gern, wir würden offen wahrnehmen, wie andere auf uns reagieren. Tatsächlich steht hinter dem inneren Spiegel manchmal längst ein Souffleur. „Siehst du?“ „Wusste ich doch.“ „Genau das meinte ich.“ „Typisch.“

Der Mensch gegenüber wird zum Statisten in einem Stück, dessen Ende schon geschrieben wurde.

Besonders hübsch wird es bei Erwartungen. „So macht man das in einer Beziehung.“ „Wenn du mich lieben würdest …“ „Ein guter Partner müsste …“ „Eine gute Mutter würde niemals …“ „Menschen sollten …“

Erwartungen sind nicht das Problem. Schwierig wird es, wenn aus einem Wunsch heimlich ein Naturgesetz wird und anschließend irgendjemand Täter spielen muss, weil er den Vertrag nicht eingehalten hat, den er nie unterschrieben hat.

Was wäre ohne diesen Glauben möglich?

Nicht Gedankenlosigkeit. Nicht völlige Bewertungsfreiheit. Nicht spirituelles Schweben zehn Zentimeter über dem Boden.

Menschen brauchen Annahmen, Erfahrungen, Werte und Erwartungen, um sich in der Welt zu orientieren.

Interessanter wäre etwas anderes: Was geschieht, wenn mein Glaube nicht automatisch Recht bekommt?

Dann könnte ein Gedanke wieder ein Gedanke sein. Eine Kritik könnte Information enthalten, ohne meinen gesamten Wert zu vernichten. Ein Lob dürfte ernst gemeint sein, ohne mich zum Genie des Jahrhunderts zu ernennen. Eine Ablehnung könnte schlicht Ablehnung sein. Eine Enttäuschung könnte bedeuten, dass eine Erwartung nicht erfüllt wurde. 

Nicht: Ich bin die Enttäuschung der Menschheit. Ein ausgesprochen wichtiger Unterschied.

Was würde ich verlieren?

Auch das verdient Beachtung.

Überzeugungen geben Halt. Selbst ausgesprochen miese.

„Ich bin nicht gut genug“ erklärt schließlich erstaunlich viel.

Scheitern. Unsicherheit. Rückzug. Scham. Ablehnung. Zweifel.

Der Satz ist grausam und gleichzeitig hervorragend organisiert. Fällt er weg, wird die Welt komplizierter. Plötzlich muss nicht jedes Scheitern gegen mich sprechen.

Blöderweise brauche ich dann für manches eine andere Erklärung.

Dasselbe gilt für Grandiosität. Wer sich grundsätzlich für überlegen hält, muss Kritik kaum prüfen. Das System war falsch. Die anderen neidisch. Der Markt zu dumm. Die Partnerin überfordert. Die Menschheit noch nicht bereit.

Manches davon kann sogar stimmen. Genau deshalb funktionieren solche Glaubenssysteme so gut: Ein bisschen Wahrheit reicht oft, um sehr viel Unsinn mit durch die Tür zu schmuggeln.

Welche Überzeugungen möchte ich behalten?

Nicht jeder Glaube gehört auf den Sperrmüll.„Menschen besitzen Würde.“„Grenzen dürfen existieren.“„Gewalt ist keine brauchbare Konfliktlösung.“„Vertrauen braucht Verlässlichkeit.“„Liebe entschuldigt nicht jedes Verhalten.“Auch das sind Überzeugungen.Freiheit bedeutet deshalb nicht, möglichst wenig zu glauben.Sie könnte darin liegen, erkennen zu können:Das glaube ich.Das weiß ich.Das vermute ich.Das bewerte ich.Das erwarte ich.Das wurde mir beigebracht.Das möchte ich weiterhin vertreten.Das muss ich noch einmal prüfen.

Die unangenehmere Frage

Wer wäre ich, wenn ich die Reaktionen anderer nicht mehr automatisch so übersetzen müsste, dass sie mein bestehendes Urteil über mich bestätigen?

Welche Anerkennung müsste ich dann ernst nehmen?

Welche Kritik dürfte berechtigt sein?

Welche Ablehnung müsste ich nicht mehr als Werturteil verwerten?

Welche Zustimmung dürfte einfach Zustimmung bleiben?

Welches Urteil über mich müsste womöglich vom Thron?

Der spannendste Teil beginnt dort, wo nicht der Glaube verschwindet. Sondern sein Anspruch auf Alleinherrschaft.

Dann darf ich glauben. Nur muss ich nicht mehr jedem Glauben gehorchen.

Herzlichst Jacqueline

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