03 Aug
03Aug

Willkommen bei ELAM - oder der Expedition: Leben als Mensch.

Über frühere Gewissheiten, neue Fragen und meine Art, das Leben als Mensch zu betrachten

Vor einiger Zeit schrieb ich einen langen Text darüber, woran wir erkennen könnten, ob eine Verbindung zu einem Menschen echt ist.

Ich schrieb über körperliche Ruhe und innere Sicherheit. Über Worte, die zu Handlungen passen. Über Grenzen, Gegenseitigkeit, Verlässlichkeit und das Gefühl, in der Nähe eines anderen Menschen mehr man selbst werden zu können.

Vieles davon würde ich auch heute noch unterschreiben. Manches würde ich vorsichtiger formulieren. Einige Aussagen würde ich heute offenlassen.

Damals wollte ich stärker unterscheiden können: zwischen Sicherheit und Gefahr, Echtheit und Täuschung, gesunder Verbindung und schädlicher Dynamik. Mein Körper erschien mir dabei wie ein innerer Kompass, der zuverlässig anzeigen könnte, wem ich vertrauen kann.

Ruhe bedeutete Sicherheit. Unruhe bedeutete Gefahr. Klarheit bedeutete Echtheit. Verwirrung bedeutete, dass etwas nicht stimmte.

Heute sehe ich darin weiterhin wichtige Beobachtungen. Gleichzeitig sehe ich, wie sehr ich damals nach Eindeutigkeit suchte.

Vielleicht ist genau das ein guter Ort, um diese Expedition zu beginnen.

Nicht bei einer fertigen Erkenntnis. Bei einer früheren Antwort, die eine neue Frage hervorgebracht hat.

Mein Körper spricht – aber wer spricht durch ihn?

Mein Körper erzählt mir etwas. Er reagiert, bevor ich eine Erfahrung vollständig in Worte fassen kann. Er wird eng oder weit. Ruhig oder unruhig. Wach, müde, schwer, leicht, angespannt oder neugierig.

Diese Reaktionen sind wirklich. Ihre Bedeutung ist trotzdem nicht immer eindeutig.

Manchmal reagiert mein Körper auf das, was gerade geschieht. Manchmal reagiert er auf etwas, das diesem Moment ähnelt. Manchmal spricht eine frühere Erfahrung mit. Manchmal eine Erwartung, eine Sehnsucht, eine Befürchtung oder ein vertrautes Muster. Häufig sprechen mehrere dieser Ebenen gleichzeitig.

Körperliche Ruhe kann Sicherheit bedeuten.Sie kann ebenso Gewohnheit, Erschöpfung, Rückzug oder innere Abwesenheit ausdrücken. Unruhe kann auf eine Grenze hinweisen. Sie kann auch entstehen, weil etwas neu, wichtig, berührend oder ungewohnt ist.

Mein Körper ist deshalb kein Lügendetektor und kein unfehlbares Navigationsgerät. Er ist ein Teil meiner Wahrnehmung.E in bedeutender Teil, aber nicht der einzige.

Heute lautet meine Frage weniger: Was beweist mir dieses Gefühl?

Sie lautet eher: Was könnte dieses Gefühl mir erzählen?

Damit beginnt meine Denk- und Arbeitsweise.

Ich denke selten in einer einzigen Erklärung

Menschen sind für mich keine einfachen Gleichungen.

Ein Verhalten kann mehrere Geschichten besitzen.

Ein Rückzug kann Selbstschutz sein, Desinteresse, Erschöpfung, Unsicherheit, Überforderung, Konzentration oder der Versuch, einen Konflikt nicht weiter zu verschärfen.

Freundlichkeit kann aus echter Zugewandtheit entstehen. Sie kann ebenso Anpassung, Höflichkeit, Angst vor Ablehnung oder eine erlernte Rolle sein.

Stärke kann Sicherheit ausdrücken. Sie kann gleichzeitig eine Form von Schutz sein.

Selbstständigkeit kann Freiheit bedeuten. Sie kann ebenso davon erzählen, dass sich ein Mensch nur schwer auf andere verlassen konnte.

Diese Möglichkeiten machen Verhalten nicht beliebig. Auswirkungen bleiben wichtig. Verletzungen verlieren nicht ihre Bedeutung, nur weil ein Verhalten eine Geschichte besitzt.Die Geschichte hilft jedoch dabei, genauer hinzusehen.Genau dort beginnt für mich Verstehen.Ich suche nicht nur nach dem sichtbaren Verhalten. Ich frage auch nach den Situationen, Personen, Orten, Zeiten und Konstellationen, in denen es auftritt.

Ich betrachte Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Überzeugungen, körperliche Reaktionen, Schutzbewegungen und Beziehungserfahrungen.

Gern frage ich: 

Was geschieht?

Was könnte daran beteiligt sein? 

Was wiederholt sich? 

Was verändert sich je nach Umfeld? 

Welche Bedeutung gebe ich dem Erlebten? 

Welche Bedeutung könnte ein anderer Mensch darin sehen? 

Was weiß ich tatsächlich? 

Was vermute ich? 

Was bleibt offen? 

Diese Art zu denken führt selten zu einer schnellen, spektakulären Antwort. Sie führt häufiger zu einer Landkarte.

Ich arbeite mit Landkarten, nicht mit Schubladen

Vielleicht erklärt das, weshalb in meiner Arbeit Bilder, Kompasse, Strömungen, Wetterlagen, Küsten, Leuchttürme und Seekarten auftauchen. Eine Landkarte sagt nicht, wer ein Mensch ist. Sie zeigt mögliche Wege, Abstände, Hindernisse, Verbindungen und Orientierungspunkte. Sie kann sichtbar machen, wo jemand gerade steht. Sie beschreibt jedoch nicht vollständig, wie es sich dort anfühlt.

Sie kann einen Weg markieren. Sie entscheidet nicht, ob dieser Weg für einen bestimmten Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt passend ist.

Eine gute Landkarte schließt nicht alle anderen Karten aus. Sie hilft dabei, sich nicht völlig orientierungslos zu erleben. 

Das ist ein wesentlicher Gedanke der Visuellen Systempsychologie: Verstehen vor Veränderung.

Bevor ein Mensch sich anders verhalten soll, darf sichtbar werden, was sein bisheriges Verhalten ermöglicht, geschützt, verhindert oder ausgeglichen hat.

Bewusstwerdung schafft Wahl. Sie garantiert keine Veränderung. Sie eröffnet Möglichkeiten.

Die Visuelle Systempsychologie ist dabei mein fachliches Fundament.

„Expedition: Leben als Mensch“ ist der größere Raum, in dem dieses Fundament auf das tatsächliche Leben trifft.

Auf Widersprüche. Auf Beziehungen. Auf Alltag. Auf Scheitern und Gelingen. Auf die Momente, in denen wir etwas verstanden haben und am nächsten Tag trotzdem wieder auf eine vertraute Weise reagieren.

Entwicklung verläuft bei mir nicht geradeaus

In den vergangenen Monaten und Jahren hat man von mir mehr meiner Denkbewegungen gesehen als in den Zeiten davor.

Familie und Mitmenschen, Patienten und Kollegen haben erlebt, wie aus einer Idee zehn weitere entstanden.

Sie sahen oder hörten, wie ich Begriffe aufgebaut, verworfen und neu geordnet habe. Immer, wenn ich glaubte, endlich eine klare Struktur gefunden zu haben, nur um wenige Tage später zu erkennen, dass noch eine Ebene fehlte, waren das intensive Momente. Frustration bei mir und bei meinem Umfeld ein Unverständnis.

Einerseits sieht man meine Begeisterung und andererseits meine Ungeduld. Meine großen Entwürfe, meine Zweifel und die Momente, in denen mir alles zu viel wurde, konnte ich auch nicht verheimlichen. Ich kann mich an Einzelheiten festbeißen, weil diese Einzelheiten für mich nicht nebensächlich sind und gleichzeitig kann ich mich über eine falsche Wortwahl ärgern, weil Sprache für mich nicht nur Verpackung ist.

Auch ich durfte nach einem Rückschritt lernen, nicht einfach an derselben Stelle fortfahren, sondern den Ausgangspunkt noch einmal, vielleicht sogar tiefer, zu betrachten. 

Manchmal entstand daraus etwas Größeres. Manchmal entstand nur die Erkenntnis, dass ein Gedanke noch nicht reif war. Meine Entwicklung verläuft nicht von Punkt A zu Punkt B. Sie bewegt sich in Schleifen, Wellen und Wiederbegegnungen. Nicht selten komme ich zu Themen zurück und bin dabei nicht mehr dieselbe Person, die dies beim ersten Mal betrachtet hat.

Der Gegenstand scheint gleich. Der Blick hat sich verändert. Genau deshalb halte ich Rückkehr nicht automatisch für Rückfall.  Ein Rückfall kann vorkommen. Ein altes Muster kann wieder wirksam werden. Ein längst verstandenes Thema kann plötzlich erneut schmerzen.

Trotzdem ist nicht jede Wiederholung ein Beweis dafür, dass nichts geschehen ist.

Manchmal zeigt erst die Wiederholung, was sich verändert hat.

Vielleicht dauert es heute weniger lange, bis ich bemerke, was geschieht. Vielleicht kann ich freundlicher mit mir sprechen. Vielleicht erkenne ich eine Grenze früher. Vielleicht brauche ich noch immer eine Pause, finde danach aber leichter zurück.

Auch das ist Entwicklung. Nicht immer sichtbar für andere. Nicht immer eindrucksvoll. Dennoch wirklich.

Ich möchte frühere Versionen von mir nicht ausradieren

Der alte Text über echte Verbindung ist ein Beispiel dafür. Ich könnte ihn heute nehmen, alle absoluten Aussagen entfernen, die psychologischen Begriffe präzisieren und daraus einen sachlicheren Artikel machen. 

Das wäre möglich. Es wäre jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil lautet: Diese frühere Version von mir hatte Gründe, so zu schreiben. Sie wollte Orientierung. Sie wollte schützen. Sie wollte erklären, weshalb sich manche Beziehungen verwirrend, schmerzhaft oder unsicher anfühlen. Sie wollte aus Erfahrungen etwas gewinnen, das anderen Menschen helfen könnte, früher hinzusehen.

Darin lag Fürsorge. Darin lag ebenso der Wunsch, Unsicherheit zu verkleinern.

Heute möchte ich beides erkennen können. Die Stärke einer früheren Erkenntnis und ihre Begrenzung. Die hilfreiche Beobachtung und die zu schnelle Verallgemeinerung. Den Versuch, Klarheit zu schaffen, und die menschliche Sehnsucht, nicht erneut überrascht zu werden.

Ich halte wenig davon, frühere Versionen eines Menschen nur zu belächeln. Sie wussten noch nicht, was spätere Versionen wissen. Sie trugen dafür etwas, das später leicht übersehen wird: den Mut, überhaupt einen ersten Gedanken zu formulieren.

Meine Arbeit beginnt häufig mit einem „Vielleicht“

„Vielleicht“ ist für mich kein Ausdruck von Beliebigkeit. Es ist eine Form intellektueller und menschlicher Sorgfalt.

Vielleicht reagiert ein Mensch nicht so, weil er schwierig ist. Vielleicht versucht ein Teil von ihm, etwas zu schützen. Vielleicht ist das Verhalten trotzdem verletzend. Vielleicht braucht es Verständnis. Vielleicht braucht es zugleich eine klare Grenze. Vielleicht können beide Gedanken nebeneinander bestehen.

Ich suche nicht nach Erklärungen, die Verantwortung auflösen. Ich suche nach Zusammenhängen, die Verantwortung überhaupt erst genauer zuordnen lassen.

Wer hat welchen Anteil? Was gehört zur eigenen Geschichte? Was entsteht zwischen zwei Menschen? Welche Wirkung hat das Verhalten? Welche Wahlmöglichkeiten bestehen gerade tatsächlich? Wo endet Verständnis? Wo beginnt Selbstschutz?

Diese Fragen besitzen nicht immer eine schnelle Antwort. Sie sind dennoch wertvoller als ein vorschnelles Urteil.

Auch meine Sprache verändert sich

Worte zeigen, aus welcher Perspektive wir auf Menschen blicken. Sie können Handlungsspielräume öffnen oder verengen. Sie können einen Menschen auf ein Muster reduzieren oder sichtbar machen, dass ein Muster nur ein Teil seiner Geschichte ist.

Früher habe ich häufiger sehr eindeutige Begriffe verwendet. Sicher. Unsicher. Toxisch. Echt. Falsch. Heute interessieren mich stärker die Übergänge und Zwischenräume.Ein Mensch kann in einer Situation verlässlich und in einer anderen überfordert sein. Eine Beziehung kann schöne und gleichzeitig schädliche Anteile besitzen. Ein Verhalten kann verständlich und dennoch nicht akzeptabel sein. Jemand kann es gut meinen und trotzdem etwas Verletzendes tun. 

Eine Grenze kann notwendig sein, ohne den anderen Menschen vollständig abzuwerten.

Menschsein findet selten nur an einem Pol statt. Es findet dazwischen statt. In Spannungen. In Ambivalenzen. In dem Versuch, mehreren Wahrheiten Raum zu geben, ohne dadurch jede Orientierung zu verlieren.

Was Du auf dieser Expedition finden wirst

Hier entstehen keine makellosen Antworten aus sicherer Entfernung. Hier entstehen Beobachtungen, Landkarten, Fragen und vorläufige Erkenntnisse. Manche Gedanken werden fachlicher sein. Andere persönlicher. Einige werden aus meiner Arbeit mit Menschen hervorgehen, ohne einzelne Menschen oder ihre Geschichten preiszugeben. Andere werden aus meinem eigenen Denken, Zweifeln, Lesen, Lernen, Erleben und erneuten Hinschauen entstehen.

Ich werde frühere Gedanken wieder aufgreifen. Manches erde ich bestätigen. Manches differenzieren. Manches verwerfen. Vielleicht werde ich an einigen Stellen später noch einmal anders denken. Das ist kein Fehler im Konzept. Es ist das Konzept.

„Expedition: Leben als Mensch“ erzählt nicht von einer Person, die am Ziel angekommen ist und nun den Weg erklärt. Es ist ein öffentlicher Denk-, Erfahrungs- und Wissensraum. Ich bringe meine fachlichen Landkarten mit- ebenso meine Fragen.

Was bedeutet es, als Mensch zu leben?

Vielleicht bedeutet es, wahrzunehmen, dass wir Bedeutung besitzen, ohne die einzige Bedeutung zu sein.

Vielleicht bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen, ohne zu glauben, alles kontrollieren zu können.

Vielleicht bedeutet es, sich selbst ernst zu nehmen, ohne sich selbst zum Mittelpunkt jeder Geschichte zu erklären.

Vielleicht bedeutet es, frühere Versionen nicht zu verleugnen und ihnen trotzdem nicht für immer folgen zu brauchen.

Leben ist für mich eine Aneinanderreihung von Startpunkten.

Jede Erkenntnis kann ein Endpunkt sein.

Jeder Endpunkt kann zugleich einen neuen Anfang enthalten.

Dieser Blog ist einer davon. Ich beginne nicht mit einer endgültigen Antwort.

Ich beginne mit einer früheren Gewissheit: Mein Körper erzählt mir etwas. Heute ergänze ich: Er erzählt mir nicht immer die ganze Wahrheit.

Deshalb höre ich hin und  betrachte den Zusammenhang.

Auch prüfe ich meine Deutung. Ich lasse Fragen offen.

Ich gehe weiter.

Noch einmal - Willkommen bei „Expedition: Leben als Mensch“.

Jacqueline Stroka

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