Was bliebe von mir, wenn das Vergangene nicht mehr ständig mitreden dürfte?

„Du musst deine Vergangenheit loslassen.“
Ein Satz, der erstaunlich leicht über die Lippen geht, solange es nicht die eigene Vergangenheit ist. Loslassen. Klingt herrlich.
Fast so, als hielte man seit Jahren versehentlich eine alte Aldi-Tüte in der Hand und müsste einfach nur die Finger öffnen.
Bei Vergangenheit funktioniert das leider nicht ganz so elegant. Sie besteht schließlich nicht aus einem einzelnen Gegenstand.
Da hängen Erinnerungen dran. Menschen. Entscheidungen. Verletzungen. Erfolge. Verluste. Lernprozesse. Gewohnheiten. Überzeugungen. Beziehungen. Fähigkeiten. Rollen.
Manchmal auch zwanzig Jahre sorgfältig gepflegter Groll mit Wintergarten und Einbauküche.
Wer da sagt: „Lass einfach los.“ hat entweder bemerkenswert wenig Gepäck oder noch nie genauer hingesehen.
Schon die Formulierung „meine Vergangenheit“ finde ich inzwischen interessant.
„Meine“ klingt nach Eigentum. Meine Wohnung. Mein Auto. Mein Kaffee. Meine Vergangenheit.
Nur war Vergangenheit selten ein Einzelprojekt. Andere Menschen waren beteiligt. Umstände spielten mit.
Manches geschah durch eigene Entscheidungen. Manches geschah durch Entscheidungen anderer.
Manches passierte schlicht, obwohl niemand es bestellt hatte.
Deshalb gefällt mir eine andere Formulierung besser:
Ich war ein Teil davon. Ich habe sie erlebt. Ich habe manche Dinge darin entschieden.
Andere konnte ich nicht entscheiden. Einige Folgen trage ich bis heute.
Trotzdem gehört mir nicht automatisch alles daran. Gerade dieser Unterschied kann erleichtern. Denn wenn mir nicht die gesamte Vergangenheit gehört, muss ich auch nicht sämtliche Verantwortung daraus auf meinen Rücken laden.
Nicht: Wer wäre ich ohne Erinnerung? Nicht: Wer wäre ich, wenn nichts davon jemals geschehen wäre? Dafür bräuchten wir einen Fluxkompensator und anschließend vermutlich erhebliche Probleme mit der Zeitlinie.
Interessanter ist: Wer wäre ich heute, wenn diese Vergangenheit weniger Einfluss auf mein Verhalten, meine Entscheidungen, meine Beziehungen und meine Lebensgestaltung hätte?
Wo würde ich anders handeln? Wen würde ich anders betrachten? Welche Entscheidung würde ich nicht mehr automatisch vertagen? Welche Grenze würde ich früher wahrnehmen? Welche Nähe würde ich zulassen? Welche Situation würde ich stärker nach dem beurteilen, was heute tatsächlich passiert? Welche alte Alarmanlage dürfte endlich aufhören, bei jeder verbrannten Scheibe Toast die Feuerwehr zu rufen?
Menschen halten selten ausschließlich deshalb fest, weil sie zu dämlich zum Loslassen sind.
Festhalten kann eine Funktion haben.
Manchmal lautet sie:„ Du hast mir das eingebrockt. Dann mach du es auch wieder heil.“
Darin steckt ein nachvollziehbarer Anspruch. Jemand hat verletzt, betrogen, entwertet, verlassen, beschämt oder Grenzen überschritten. Dann erscheint es logisch: Die Person, die den Schaden verursacht hat, soll ihn auch beseitigen.
Nur besitzt das Leben eine ausgesprochen unhöfliche Eigenschaft: Es garantiert keine Einsicht. Keine Entschuldigung. Keine Wiedergutmachung. Keine Erklärung. Keine nachträgliche Gerechtigkeit in handlicher Geschenkverpackung.
Bleibt die eigene Entlastung daran gebunden, dass ein anderer Mensch endlich liefert, bleibt auch die Verbindung bestehen.
Dann hält der Groll manchmal die Leine. Nicht aus Liebe. Aus Forderung. Aus Hoffnung. Aus dem Wunsch, dass die Rechnung endlich bezahlt wird.
Ein anderer Grund fürs Festhalten ist noch spannender.
Menschen investieren. Jahre. Schlaf. Kraft. Gedanken. Tränen. Gespräche. Recherche. Therapie. Streit. Durchhalten. Selbstzweifel. Kämpfe.
Irgendwann steht da etwas. Eine ganze innere Konstruktion.
Dann kommt jemand vorbei und sagt: „Du musst loslassen."
Verzeihung? Nach dieser Bauzeit? Natürlich entsteht Widerstand. Denn Loslassen kann sich anfühlen wie: Dann war alles umsonst.
Genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Der Schmerz muss nicht umsonst gewesen sein. Er muss deshalb trotzdem nicht „für etwas gut gewesen sein“.
Das ist ein Unterschied.
Nicht jede schwierige Erfahrung hinterlässt nur Schutt.
Manches entwickelt sich darin. Fähigkeiten. Fertigkeiten. Gaben. Talente. Menschenkenntnis. Improvisationsfähigkeit. Humor. Hartnäckigkeit. Wachsamkeit. Selbstständigkeit. Empathie. Organisation. Kreativität. Grenzen. Klarheit.
Manchmal entsteht ein sehr feines Gespür dafür, was man nie wieder möchte.
Das macht die Erfahrung nicht gut. Es erklärt nicht nachträglich, weshalb sie „nötig“ gewesen sein soll.
Kein Mensch braucht Schläge vom Leben, damit anschließend eine hübsche Charaktereigenschaft herauspurzelt.
Trotzdem wäre es ebenso merkwürdig, alles Wertvolle wegzuwerfen, nur weil es unter schwierigen Bedingungen entstanden ist.
Die Frage lautet deshalb: Was davon möchte ich behalten? Welche Fähigkeit darf bleiben? Welche Fertigkeit gehört heute zu mir? Welche Gabe habe ich überhaupt erst entdeckt? Welches Talent wurde geschärft? Was kann ich heute, weil ich lernen musste?
Was davon möchte ich künftig einsetzen, ohne den alten Preis immer wieder zu bezahlen?
Noch unangenehmer wird es dort, wo die Vergangenheit nicht nur belastet. Sie hält auch fest.
Groll kann Verbindung sein. Angst kann Orientierung geben. Schmerz kann Identität stützen.
Eine alte Geschichte kann erklären, weshalb ich so bin, wie ich bin.
Selbst eine belastende Vergangenheit kann zur Nabelschnur werden.
Sie tut weh. Sie begrenzt. Sie hält trotzdem Kontakt zu etwas Bekanntem.
Was passiert, wenn sie ihren Einfluss verliert?
Dann entsteht nicht automatisch Freiheit.
Zunächst kann Leere entstehen.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr „diejenige bin, der das passiert ist“?
Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr gegen diese Vergangenheit kämpfe?
Woran orientiere ich mich, wenn der alte Schmerz nicht mehr mein Fixpunkt ist?
Womit fülle ich den Raum, den der Groll bisher zuverlässig besetzt hat?
Das sind keine kleinen Fragen.
Loslassen klingt oft nach vollständigem Weggeben.
Nach Verschwinden. Nach Abschließen.
Nach: Jetzt ist es weg. Das passt für vieles nicht.
Erinnerungen verschwinden nicht auf Kommando. Erfahrungen werden nicht ungültig. Menschen bleiben Teil der eigenen Geschichte. Manche Wunden hinterlassen Narben. Einige Entscheidungen haben Konsequenzen, die nicht gelöscht werden können.
Deshalb interessiert mich etwas anderes viel mehr: Was muss ich überhaupt noch festhalten?
Was darf erinnert werden, ohne weiter zu bestimmen?
Was darf gewürdigt werden, ohne idealisiert zu werden?
Was kann ich betrauern? Was darf ich zurückgeben?
Was möchte ich übernehmen? Was muss ich nicht mehr verteidigen?
Was darf endlich Geschichte sein?
Auch hier lohnt sich sprachliche Genauigkeit. Die Vergangenheit selbst lässt sich nicht heilen.
Der Dienstag im März 2004 liegt nicht irgendwo auf dem Sofa und wartet auf eine Wärmflasche.
Was heute noch wirkt, kann dagegen betrachtet werden.
Erinnerungen. Bedeutungen. Körperreaktionen. Überzeugungen. Schuldgefühle. Verhaltensweisen. Ängste. Rollen. Erwartungen. Eigene Entscheidungen. Der eigene tatsächliche Verantwortungsanteil.
Dort liegt Gegenwart. Dort liegt Handlungsspielraum.
Ob man dafür „heilen“, „verstehen“, „integrieren“, „einordnen“, „würdigen“, „betrauern“ oder „neu entscheiden“ sagt, hängt davon ab, was wirklich passiert.
Nicht alles ist kaputt. Nicht alles muss repariert werden. Manches braucht schlicht einen anderen Platz.
Diese Frage wird besonders wichtig.
Was war mein Anteil? Was habe ich getan? Was habe ich entschieden? Was konnte ich damals wissen? Welche Möglichkeiten hatte ich tatsächlich? Wo trage ich Verantwortung?
Was war der Anteil anderer? Welche Entscheidungen trafen sie? Was haben sie getan oder unterlassen? Welche Verantwortung gehört dort hin?
Was entstand aus Umständen?Alter. Abhängigkeit. Geld. Gesellschaft. Familie. Macht. Gesundheit. Zufall. Informationsmangel.
Nicht alles war persönliche Wahl. Nicht alles war Fremdbestimmung. Nicht alles war Schicksal.
Meistens war es komplizierter. Menschen eben. Ärgerlich differenziert.
Angenommen, ein riesiger roter Knopf läge vor dir.
Einmal drücken. Diese Vergangenheit verschwindet vollständig.
Keine Erinnerung daran. Keine Folgen. Keine Menschen daraus. Keine Fähigkeiten daraus. Keine Erkenntnisse. Keine Umwege. Keine Beziehungen, die nur deshalb entstanden sind. Keine späteren Entscheidungen, die daraus hervorgingen.
Würdest du drücken? Ganz sicher?
Würdest du alles zurückgeben? Auch das Wissen? Auch die Klarheit? Auch Menschen, die später wichtig wurden? Auch Fähigkeiten, die du dort entwickelt hast?
Auch jene Version von dir, die irgendwann gesagt hat: „Das passiert mir nicht noch einmal.“
Der Preis war vielleicht viel zu hoch. Das bedeutet nicht automatisch, dass der gesamte Ertrag wertlos ist.
Man darf auf einen Teil der Geschichte fluchen und trotzdem etwas daraus behalten.
Das Leben verlangt erfreulicherweise keine moralisch saubere Komplettabrechnung.
Keine optimierte Version. Kein vollständig „geheilter“ Mensch, der bei Sonnenuntergang barfuß am Meer steht und endlich alle Lektionen verstanden hat.
Bitte nicht.
Vielleicht wäre da einfach mehr Auswahl.
Eine Person mit Vergangenheit, nicht ausschließlich aus Vergangenheit.
Ein Mensch, der erinnert, ohne jeder Erinnerung zu gehorchen.
Jemand, der Fähigkeiten behalten darf, obwohl der alte Grund dafür verschwinden darf.
Jemand, der seinen Anteil übernimmt und fremde Anteile dort lässt, wo sie hingehören.
Jemand, der sagen kann: Das ist passiert. Das hat mich geprägt. Daraus ist etwas entstanden. Einiges davon behalte ich. Einiges davon gebe ich zurück. Einiges darf endlich aufhören, meinen heutigen Kurs zu bestimmen.
Was genau aus dieser Vergangenheit wirkt heute noch?
Welche Verhaltensweise wäre ohne diesen Einfluss möglicherweise anders?
Welche Beziehung würde ich anders gestalten?
Welche Entscheidung würde leichter?
Was würde ich verlieren, wenn dieser Einfluss kleiner würde?
Welche Sicherheit hängt daran?
Welche Identität?
Welche Verbindung?
Welche Erklärung?
Welche FFGT sind aus dieser Zeit entstanden oder dort gewachsen?
Was davon möchte ich behalten?
Welche Fähigkeit möchte ich künftig nutzen, ohne ständig den alten Preis dafür zu bezahlen?
Welche Verantwortung gehört tatsächlich zu mir?
Welche habe ich übernommen, obwohl sie jemand anderem gehört?
Welche Geschichte über mich müsste ich möglicherweise verabschieden?
Welcher Groll hält noch eine Verbindung aufrecht?
Welche offene Rechnung warte ich noch darauf, dass jemand anderes bezahlt?
Was wäre, wenn diese Rechnung niemals beglichen wird?
Was brauche ich, damit meine eigene Hand trotzdem lockerer werden kann?
Was darf Geschichte sein, ohne bedeutungslos zu werden?
Wer könnte ich sein, wenn diese Vergangenheit nicht verschwindet – aber ihren Sitz am Steuer verliert?
Vermutlich nicht derselbe Mensch.
Vermutlich auch nicht automatisch ein besserer.
Ein anderer. Nur existiert dieser Mensch nicht.
Du bist der Mensch, der aus all dem hervorgegangen ist, was tatsächlich geschehen ist. Die interessantere Möglichkeit liegt deshalb nicht in einer ausradierten Vergangenheit.
Sie liegt darin, heute genauer zu unterscheiden: Was war? Was wirkt noch? Was gehört zu mir? Was trage ich für andere? Was möchte ich behalten? Was darf seinen Einfluss verlieren?
Die Vergangenheit muss dafür nicht verschwinden. Sie darf Vergangenheit werden.
Das klingt weniger spektakulär als „Loslassen“.
Dafür kann man etwas damit anfangen.
Herzlichst
Jacqueline