Jacqueline Stroka
11 Aug
11Aug

Eine ausgesprochen praktische Frage.

Was macht dich als Mensch aus?

Vor allem, weil wir Menschen erstaunlich gern so tun, als ließe sie sich ungefähr so beantworten: „Ich bin halt so.“

Fertig. Deckel drauf. Persönlichkeit abgeschlossen.Garantie erloschen.

Bitte wenden Sie sich bei Rückfragen an Ihre Kindheit.

Nur funktioniert Menschsein leider nicht wie ein IKEA-Regal. Selbst wenn irgendwo eine Bauanleitung herumliegt, fehlen garantiert zwei Schrauben, jemand hat Teil B mit Teil F verwechselt und irgendwann stellt sich heraus, dass der Schrank seit acht Jahren schief steht, aber immerhin hervorragend als Ablage funktioniert.

Was macht dich also als Mensch aus? Deine Persönlichkeit? Deine Erfahrungen? Deine Beziehungen? Dein Körper? Deine Gedanken? Deine Entscheidungen? Das, was andere über dich sagen? Das, was du über dich glaubst? Deine Werte? Deine Fehler? Deine Fähigkeiten? Deine Vergangenheit? 

Ja. Nein. Teilweise. 

Willkommen beim Menschen.

„So bin ich eben.“

Einer meiner "Lieblingssätze".

Er kann bedeuten: Ich kenne mich ziemlich gut.

Er kann aber auch bedeuten: Bitte nicht weiterfragen. Hinter dieser Tür stehen mehrere ungeklärte Umzugskartons.

„Ich bin konfliktscheu.“ „Ich bin eben ein Kontrollmensch.“ „Ich kann keine Grenzen setzen.“ „Ich bin zu sensibel.“ „Ich bin einfach nicht belastbar.“ „Ich bin wahnsinnig unabhängig.“ „Ich brauche niemanden.“

Klingt alles sehr ordentlich. Fast wie Etiketten auf Vorratsgläsern. Nur steht im Glas manchmal etwas völlig anderes.

Vielleicht bist du nicht konfliktscheu. Vielleicht kannst du sehr gut streiten – nur nicht mit deinem Vater.

Vielleicht bist du nicht grundsätzlich unsicher. Vielleicht wirst du unsicher, sobald du das Gefühl bekommst, bewertet zu werden.

Vielleicht bist du nicht übermäßig kontrollierend. Vielleicht möchtest du ziemlich genau wissen, was passiert, wenn du erlebt hast, dass Überraschungen selten Blumen und Konfetti bedeuteten.

Vielleicht bist du nicht unfähig, Nein zu sagen. Vielleicht kannst du hervorragend Nein sagen – solange du nicht befürchtest, dadurch Zugehörigkeit, Nähe, Anerkennung oder Frieden zu verlieren.

Der Satz„So bin ich.“ist deshalb bestenfalls der Anfang.

Interessanter ist:

Wann bist du so?

Bei wem? Wo? Seit wann? Unter welchen Bedingungen? Was passiert kurz vorher? Was passiert danach? Was wird dadurch möglich? Was wird dadurch verhindert?

Plötzlich haben wir keinen Persönlichkeitstest mehr. Wir haben eine Landkarte.


Du bist nicht überall dieselbe Version von dir

Das ist weder besonders mystisch noch ein Identitätsproblem.

Menschen reagieren auf Zusammenhänge.

Du kannst im Beruf Entscheidungen treffen, bei denen andere Menschen nach drei Flipcharts noch immer Pro und Contra sortieren. Dann fragt dein Partner:„Was möchtest du heute essen?“ Plötzlich steht die innere Bundesregierung vor dem Zusammenbruch.

Du kannst mit Freunden laut, albern und vollkommen ungefiltert sein. Bei einer Familienfeier sitzt du drei Stunden später kerzengerade am Tisch und antwortest :„Nein, alles gut.“ Es ist selbstverständlich nicht alles gut. Es war seit 2007 nicht mehr alles gut. Aber Tante Hildegard hat gerade Kartoffelsalat aufgefüllt und dies ist offenkundig nicht der Moment für eine Revolution.

Menschen sind kontextabhängig. Das bedeutet nicht, dass jede Reaktion aus der Vergangenheit kommt.

Es bedeutet auch nicht, dass hinter jedem Räuspern ein Bindungstrauma lauert.

Manchmal räusperst du dich einfach. Trotzdem lohnt sich die Frage: Welche Bedingungen verändern mich?


VSP: Aus „Wer bin ich?“ wird „Was wirkt hier eigentlich?“

Genau hier wird die Visuelle Systempsychologie interessant.

Nicht: „Welche Schublade passt zu mir?“ Sondern: „Was wirkt gerade mit?“

Da können Gedanken sein. Gefühle. Emotionen. Erinnerungen. Überzeugungen. Glaubenssätze. Echos früherer Sätze. Verhaltensmuster. Ideen. Träume. Schmerzen. Körperreaktionen. Innere Anteile. Erwartungen. Sehnsüchte. Befürchtungen. Gewohnheiten.

Dazu kommen die Situation, die Konstellation, die Umstände, beteiligte Personen, Orte, Zeiten und der mögliche Zweck eines Verhaltens.

Ein Rückzug ist deshalb zunächst einmal: Rückzug. 

Noch keine Diagnose. Noch kein Charakterurteil. Noch kein Beweis dafür, dass jemand bindungsunfähig, toxisch, narzisstisch, traumatisiert oder vom Mars ist.

Die nächste Frage lautet: Was passiert hier?

Braucht jemand Ruhe? Ist jemand verletzt? Will jemand einem Gespräch ausweichen? Wurde eine Grenze überschritten? Ist jemand erschöpft? Hat jemand schlicht keine Lust mehr? Soll mit Rückzug Druck aufgebaut werden?

Das gleiche sichtbare Verhalten kann völlig unterschiedliche Geschichten haben.

Das macht Hinschauen aufwendiger.

Bedauerlich, denn die einfache Schublade war so schön bequem.


Verhalten hat eine Geschichte

Das bedeutet nicht: Für jedes beschissene Verhalten gibt es eine traurige Kindheitsgeschichte, also müssen wir es verständnisvoll ertragen.

Nein. Erklärung ist keine Generalamnestie.

Wenn jemand dir auf den Fuß tritt, wird dein Zeh nicht weniger blau, nur weil der andere eine schwierige Vergangenheit hatte.

Trotzdem kann Verhalten eine Geschichte haben.

Vielleicht hast du früh gelernt, Stimmungen sehr genau zu lesen. Das kann heute eine enorme Fähigkeit sein.

Vielleicht merkst du Veränderungen, lange bevor andere sie wahrnehmen. Blöd wird es, wenn dein System jedes Stirnrunzeln behandelt, als hätte das Bundesamt für Katastrophenschutz gerade Warnstufe Rot ausgerufen.

Vielleicht hast du gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Das kann dich zuverlässig, selbstständig und handlungsfähig gemacht haben. Blöd wird es, wenn du inzwischen auch für das Wetter, die Stimmung deiner Kollegin und den schlecht organisierten Urlaub deiner Schwägerin innerlich zuständig bist.

Vielleicht hast du gelernt, dich anzupassen. Das kann soziale Intelligenz sein. Blöd wird es, wenn am Ende alle wissen, was sie möchten – nur du nicht mehr.


Nicht alles, was aus schwierigen Zeiten stammt, muss weg

Hier lauert gleich die nächste hübsche Falle.

Sobald Menschen etwas über Muster, Schutz oder frühere Anpassungen lernen, entsteht schnell das nächste Optimierungsprojekt: „Ah! Das ist eine Schutzstrategie. Die muss weg.“

Natürlich. Was jahrelang funktioniert hat, wird am Dienstag erkannt und bitte bis Donnerstag vollständig deinstalliert. Menschen sind bekanntlich Betriebssysteme.

Nein. Vielleicht ist etwas, das einmal Schutz war, inzwischen eine Fähigkeit.

Die entscheidende Frage lautet nicht automatisch: Wie werde ich das los? Sondern: Kann ich darüber verfügen?

Kannst du Verantwortung übernehmen, ohne automatisch alles zu übernehmen? Kannst du planen, ohne jede Eventualität kontrollieren zu wollen? Kannst du dich anpassen, ohne deine eigene Position zu verlieren? Kannst du wachsam sein, ohne überall Gefahr zu suchen? Kannst du stark sein und trotzdem sagen: „Keine Ahnung. Hilf mir.“

Dann muss die Fähigkeit nicht verschwinden. Sie bekommt nur einen anderen Platz.


Was macht dich aus: deine Vergangenheit?

Natürlich hat deine Vergangenheit mit dir zu tun. Sie war schließlich unhöflich genug, tatsächlich stattgefunden zu haben.

Deine Herkunft. Deine Familie. Deine Erfahrungen. Menschen, die dich geprägt haben. Entscheidungen. Verluste. Erfolge. Peinlichkeiten, über die du nachts um 2:47 Uhr plötzlich wieder nachdenken darfst, obwohl sie 1998 passiert sind und niemand außer dir sich daran erinnert.

All das hinterlässt Spuren.

Nur: Spuren sind keine Schienen. Du musst ihnen nicht bis ans Lebensende folgen.

Etwas kann erklären, weshalb du eine bestimmte Richtung eingeschlagen hast. Es schreibt nicht automatisch vor, dass du dort bleiben musst.


ELAM: Der Mensch als unfertiges Wesen

Vielleicht liegt ein Teil des Problems bereits in der Frage: „Wer bin ich?“

Sie klingt nach einer endgültigen Antwort. 

Als müsste irgendwo tief in dir die Originalversion herumliegen. Noch eingeschweißt. Unbeschädigt. Unbeeinflusst von Eltern, Schule, Beziehungen, Kultur, Erfahrungen, Werbung, Gesellschaft, Schicksal, Liebeskummer und dem einen Mathelehrer, dessen Kommentare offenbar kostenlos lebenslange Untermiete im Kopf bekommen haben.

Diese vollkommen unbeeinflusste Version gibt es vermutlich nicht. Menschen entstehen in Beziehung zur Welt.

Wir werden geprägt. Wir prägen zurück. Wir übernehmen. Wir verwerfen. Wir lernen. Wir halten an Unsinn fest. Wir erkennen manches erstaunlich spät. Wir ändern unsere Meinung. Wir treffen gute Entscheidungen aus schlechten Gründen. Schlechte Entscheidungen aus guten Gründen. Manchmal auch beeindruckend schlechte Entscheidungen aus noch schlechteren Gründen. 

Menschsein eben.


Du musst nicht finden, wer du „wirklich“ bist

Vielleicht gibt es gar keinen verborgenen inneren Kern, den du nur lange genug freischaufeln musst.

Vielleicht ist die passendere Frage: Was gehört heute zu mir?

Was ist mir wichtig? Was habe ich übernommen? Was habe ich geprüft? Was möchte ich weitertragen? Was nicht? Was kann ich? Wo stolpere ich zuverlässig? Welche Beziehungen tun mir gut? Wo werde ich kleiner? Wann werde ich lebendig? Was dulde ich? Was lehne ich ab? Was möchte ich kennenlernen? Was weiß ich noch nicht?

Diese Antworten dürfen sich verändern. Sonst müssten wir unsere Identität ungefähr mit 22 einfrieren und die restlichen Jahrzehnte konsequent so tun, als hätten wir nichts mehr dazugelernt.

Ein faszinierendes Lebensmodell. Nicht unbedingt ein gutes.


Du darfst dir widersprechen

Menschen lieben Eindeutigkeit. Vor allem bei anderen.

„Entscheide dich doch.“ Was willst du denn jetzt?“ „Du hast gestern noch etwas anderes gesagt.“

Ja. Das kann passieren. Du kannst jemanden lieben und Abstand wollen. Du kannst deinen Beruf mögen und trotzdem keine Lust haben hinzugehen. Du kannst dich auf dein Kind freuen und gleichzeitig dringend einen Tag ohne das Wort „Mama“ brauchen. Du kannst dankbar sein und wütend. Traurig und erleichtert. Mutig und ängstlich. Du kannst eine Entscheidung bedauern und trotzdem verstehen, weshalb du sie getroffen hast.

Mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein. Das ist kein Konstruktionsfehler. Das ist der Normalbetrieb.


Was davon ist eigentlich deine eigene Meinung?

Jetzt wird es ungemütlicher.

Welche Sätze in deinem Kopf stammen wirklich von dir?

Was ist Erfolg? Was ist eine gute Mutter? Ein guter Vater? Eine gute Partnerin? Ein guter Mann? Was darf man? Was macht man nicht? Wann ist jemand egoistisch? Wann ist jemand faul? Wie viel muss ein Mensch leisten? Wann darf man gehen? Wie lange muss man durchhalten? Was bedeutet Treue? Was bedeutet Familie? Was bedeutet Verantwortung?

Wer hat dir diese Antworten gegeben?

Vielleicht stimmen sie für dich. Vielleicht teilweise. Vielleicht überhaupt nicht.

Manche Überzeugungen wurden nie bewusst gewählt. Sie standen einfach schon im Haus, als wir einzogen.

Das bedeutet nicht, dass alles Fremde raus muss. Nur weil deine Großmutter einen Satz gesagt hat, ist er nicht automatisch Unsinn.

Nur weil du ihn seit dreißig Jahren glaubst, ist er allerdings auch nicht automatisch wahr.


Freiheit heißt nicht, unbeeinflusst zu sein

Das wäre eine ziemlich absurde Vorstellung. Niemand lebt im luftleeren Raum.

Wahl bedeutet deshalb nicht: Ich entscheide vollkommen frei von Vergangenheit, Biologie, Beziehungen, Bedürfnissen, gesellschaftlichen Bedingungen und Konsequenzen. Viel Glück dabei.

Wahl kann viel kleiner anfangen: Ich bemerke, dass hier etwas wirkt. Das allein verändert noch nichts.

Es eröffnet aber möglicherweise einen Spalt zwischen Automatismus und Reaktion. Manchmal reicht dieser Spalt für eine andere Entscheidung. Manchmal nicht. Auch das gehört zur Realität.


Andere Menschen dürfen dich sehen. Sie besitzen dich deshalb nicht.

Jetzt kommt ELSTER kurz an Deck.

Denn unser Selbstbild entsteht auch durch Beziehungen.

Andere Menschen spiegeln uns. Das kann unglaublich wertvoll sein.

Manchmal sieht jemand etwas an dir, das du selbst übersiehst.

Manchmal sagt dir jemand: „Das war verletzend.“ Das solltest du nicht mit einer Räucherstäbchenwolke aus „Das ist nur deine Wahrnehmung“ wegmeditieren.

Vielleicht war dein Verhalten tatsächlich daneben. Anschauen. Verantwortung übernehmen. Gegebenenfalls entschuldigen. Korrigieren. Fertig. 

Schwierig wird es an einer anderen Stelle.

Wenn aus „Das hat mich verletzt.“ wird: „Du bist ein schlechter Mensch.“ 

Aus „Ich wünsche mir mehr Verlässlichkeit.“n wird: „Dir sind andere Menschen grundsätzlich egal.“ 

Aus „Ich bin enttäuscht.“ wird: „Wenn du mich lieben würdest, würdest du das nicht tun.“

Jetzt wird nicht mehr über Verhalten gesprochen. Jetzt wird Identität als Druckmittel benutzt. Das solltest du unterscheiden können.

Bei dir und bei anderen.


Kritik ist nicht automatisch Entwertung

Das Gegenteil wäre genauso albern. Nicht jeder Mensch, der dir etwas Unangenehmes sagt, versucht dich kleinzumachen.

Manchmal warst du schlicht daneben. Kommt vor. Herzlichen Glückwunsch zur Mitgliedschaft in der Spezies.

Die interessanteren Fragen lauten: Ist die Kritik konkret? Geht es um Verhalten oder um deinen gesamten Wert? Kannst du nachfragen? Darfst du widersprechen? Bleibt Respekt bestehen? Kann die andere Person ihren Anteil sehen? Gibt es überhaupt etwas zu klären oder sollst du lediglich kapitulieren?

ELSTER soll hier nicht herausfinden: Wer ist der Böse? Sondern: Was passiert zwischen den Beteiligten?


Du bist mehr als deine Fehler

Sehr beruhigend.

Leider gilt anschließend auch: Du bist trotzdem für einiges verantwortlich. Beides passt gleichzeitig.

„Ich bin mehr als mein Verhalten“ ist keine Freikarte. Wenn du jemanden verletzt hast, kannst du nicht einfach dein Menschsein wie eine Uno-Reverse-Karte auf den Tisch knallen.

„Ich bin komplex!“ Bestimmt. Trotzdem hast du gerade gelogen. Oder eine Grenze überschritten. Oder jemanden unfair behandelt. Menschlicher Wert und Verantwortung sind zwei verschiedene Fragen. Das eine löscht das andere nicht.


Du bist auch mehr als deine Leistung

Hier wird es für viele nicht angenehmer.

Denn wenn Fehler deinen Wert nicht bestimmen, dann dürfen Erfolge das ebenfalls nicht vollständig tun.

Abschlüsse. Beruf. Geld. Status. Follower. Auszeichnungen. Produktivität. Haus. Auto. Körper. Beliebtheit.

Was auch immer gerade als Eintrittskarte in die Abteilung „gelungenes Leben“ verkauft wird.

All das kann schön sein. Bedeutsam. Erarbeitet. Verdient.

Nur wäre eine Welt, in der menschlicher Wert an Leistung hängt, ziemlich schnell ein widerlicher Ort.

Kinder hätten schlechte Karten. Kranke ebenfalls. Alte Menschen irgendwann auch. Menschen mit Behinderung sowieso.

Du selbst spätestens an einem Mittwoch mit Migräne.

Vielleicht sollten wir dieses Bewertungssystem noch einmal überdenken.


Fähigkeiten, Fertigkeiten, Gaben und Talente gehören trotzdem zu dir

Nicht alles muss relativiert werden. Du kannst Dinge. Vielleicht sogar verdammt gut.

Manche Fähigkeiten hast du trainiert. Andere sind dir zugeflogen.Einige hast du so lange benutzt, dass du gar nicht mehr merkst, dass andere sie nicht selbstverständlich besitzen.Was kannst du?

Was gelingt dir? Was fällt dir leicht? Was hast du gelernt? Was hast du aus schwierigen Zeiten mitgebracht, das heute tatsächlich nützlich ist?vWo setzt du deine Fähigkeiten ständig für andere ein? Welche davon benutzt du kaum für dich?

Ein Mensch besteht nicht nur aus Baustellen. Auch wenn das Internet gelegentlich den Eindruck vermittelt, jeder müsse morgens zuerst fünf innere Wunden, drei Bindungsmuster und sein Nervensystem bearbeiten, bevor Kaffee erlaubt ist.


Wer bist du ohne deine Rollen?

Mutter. Vater. Partner. Partnerin. Tochter. Sohn. Freund. Kollegin. Chef. Helfer. Versorgerin. Die Vernünftige. Der Starke. Die Lustige. Der Problemlöser. Die, die alles zusammenhält.

Rollen sind praktisch. Bis sie zur vollständigen Identität werden.

Was bleibt, wenn gerade niemand etwas von dir braucht? Was machst du, wenn du nicht nützlich sein musst? Wer bist du außerhalb deiner Arbeit? Wer bist du, wenn niemand beeindruckt werden soll? Wer bist du, wenn niemand enttäuscht werden darf? Wer bist du, wenn niemand zusieht?

Keine Sorge. Du musst jetzt nicht dein „wahres Selbst“ finden.

Vielleicht entdeckst du schlicht Seiten, für die im bisherigen Dienstplan wenig Platz war.


Was macht dich als Mensch aus?

Vielleicht nicht eine Antwort. Vielleicht das gesamte verdammte Durcheinander.

Dass du geprägt bist und trotzdem Einfluss nehmen kannst. Dass du Fähigkeiten besitzt und Grenzen hast. Dass du lieben und verletzen kannst. Dass du klug sein und unglaublichen Unsinn machen kannst. Dass du etwas wissen und dich trotzdem irren kannst. Dass du dich widersprechen kannst. Dass du manche Muster erkennst und trotzdem wieder hineinläufst. Dass du Entscheidungen bereust. Dass du neu entscheidest. Dass du dich veränderst. Dass du nicht alles verändern musst. Dass andere Menschen wichtig sind, ohne die einzige Bedeutung deines Lebens zu sein. Dass du Bedeutung besitzt, ohne der Mittelpunkt des Universums zu werden.

Das Universum dürfte die Nachricht verkraften.


Fragen, bei denen es sich lohnt, nicht sofort zu antworten

Wer glaubst du zu sein?

  1. Welche drei Sätze beginnen bei dir häufig mit „Ich bin eben …“?
  2. Wo stimmen diese Sätze tatsächlich?
  3. Wo stimmen sie überhaupt nicht?
  4. Wer hat dich erstmals so beschrieben?
  5. Welche Beschreibung von dir schleppst du herum, obwohl sie längst zu klein geworden ist?
  6. Welche Seite von dir passt nicht zu der Geschichte, die du über dich erzählst?

Wann wirst du zu welcher Version von dir?

  1. Bei wem wirst du stiller?
  2. Bei wem lauter?
  3. Bei wem beginnst du dich zu erklären?
  4. Bei wem musst du kaum etwas erklären?
  5. Wo fühlst du dich kompetent?
  6. Wo schrumpft dein Selbstvertrauen plötzlich?
  7. Was verändert Müdigkeit an deinem Verhalten?
  8. Was verändert Zeitdruck?
  9. Was verändert Nähe?
  10. Was verändert Angst vor Ablehnung?

Was fährt aus früheren Zeiten noch mit?

  1. Welche Rolle hast du früh übernommen?
  2. Was konnte diese Rolle damals für dich leisten?
  3. Was kostet sie heute?
  4. Welche alte Stärke ist inzwischen manchmal anstrengend?
  5. Welche frühere Entscheidung beeinflusst noch deinen heutigen Kurs?
  6. Welche Regel befolgst du, obwohl du ihren Ursprung kaum kennst?
  7. Welche Vergangenheit behandelst du noch wie einen Auftrag?

Was kannst du?

  1. Welche Fähigkeit unterschätzt du, weil sie dir leichtfällt?
  2. Was können andere zuverlässig von dir bekommen?
  3. Was davon bekommt auch dein eigenes Leben?
  4. Welche Fähigkeit ist aus schwierigen Erfahrungen entstanden?
  5. Welche davon möchtest du unbedingt behalten?
  6. Welche musst du nicht mehr rund um die Uhr einsetzen?

Was willst du?

  1. Welche Wünsche sind wirklich deine?
  2. Welche sehen lediglich ausgesprochen vernünftig aus?
  3. Was würdest du wollen, wenn niemand davon erfahren würde?
  4. Bei welchem Ziel hoffst du hauptsächlich auf Anerkennung?
  5. Welche Sehnsucht redest du dir regelmäßig aus?
  6. Was willst du nicht mehr?

Wo widersprichst du dir?

  1. Wo möchtest du Nähe und Abstand gleichzeitig?
  2. Wo willst du Sicherheit und Freiheit?
  3. Welche Entscheidung fühlt sich gleichzeitig richtig und falsch an?
  4. Welche zwei Bedürfnisse kämpfen um dasselbe Steuer?
  5. Muss wirklich eines davon gewinnen?

Andere Menschen und dein Selbstbild

  1. Welche Rückmeldung hat dir geholfen?
  2. Welche hat dich klein gemacht?
  3. Welche Kritik möchtest du nicht hören, weil möglicherweise etwas dran ist?
  4. Welche Fremdbeschreibung glaubst du, obwohl du sie nie wirklich überprüft hast?
  5. Wo passt du dich an, damit jemand ein bestimmtes Bild von dir behalten kann?
  6. Wer darf dir widersprechen, ohne dass eure Verbindung gefährdet ist?
  7. Wem erlaubst du mehr Deutungshoheit über dich, als dir guttut?

Verantwortung

  1. Für welches Verhalten möchtest du Verantwortung übernehmen?
  2. Wo machst du aus einem Fehler ein Urteil über deine ganze Person?
  3. Wo erklärst du dein Verhalten so ausführlich, dass die Verantwortung unterwegs beinahe vom Schiff fällt?
  4. Wo trägst du Verantwortung für Dinge, die nicht deine sind?
  5. Was gehört dir ganz?
  6. Was teilweise?
  7. Was gar nicht?

Veränderung

  1. Was war vor zehn Jahren noch sehr typisch für dich und heute kaum noch?
  2. Welche alte Version von dir möchtest du nicht lächerlich machen, nur weil du heute mehr weißt?
  3. Welche Entscheidung würdest du heute anders treffen?
  4. Was hast du daraus gelernt?
  5. Was davon möchtest du nicht noch einmal lernen müssen?
  6. Wo darfst du dich umentscheiden?
  7. Was darf unverändert bleiben?

Die unangenehmen Fragen zum Schluss

  1. Welche Geschichte über dich kommt dir ausgesprochen gelegen?
  2. Welche deiner Eigenschaften benutzt du manchmal als Ausrede?
  3. Wo verlangst du von anderen etwas, das du selbst nicht besonders zuverlässig lieferst?
  4. Welches Verhalten anderer verurteilst du besonders schnell?
  5. Was davon kennst du in anderer Form auch von dir?
  6. Welche Wahrheit über dich würdest du lieber mit einer hübschen Erklärung umfahren?
  7. Wo bist du tatsächlich anders geworden – und wo erzählst du dir nur gern, dass du es bist?
  8. Was möchtest du über dich unbedingt glauben?
  9. Was wäre, wenn es nur teilweise stimmt?
  10. Welche Frage über dich möchtest du gerade am liebsten überspringen?

Genau die wäre vermutlich interessant.


Also noch einmal: Was macht dich als Mensch aus?

Nicht eine Eigenschaft oder ein Etikett.

Weder dein schlimmster Fehler noch dein größter Erfolg.

Nicht deine Vergangenheit und schon gar nicht dein Trauma.

Nicht deine Beziehung oder irgendein Beruf.

Nicht deine Mutter, dein inneres Kind oder dein Nervensystem.

Nur nebenbei - nicht dein Sternzeichen. Der arme Merkur kann wirklich nicht für alles verantwortlich sein.

Du bist ein Mensch. Mit Geschichte. Mit Körper. Mit Beziehungen. Mit Gedanken. Mit blinden Flecken. Mit Fähigkeiten. Mit Unsinn. Mit Würde. Mit Verantwortung. Mit Grenzen. Mit Möglichkeiten. Mit Seiten, die du kennst. Mit Seiten, die du vielleicht lieber nicht kennen würdest. Mit Seiten, die noch gar nicht aufgetaucht sind.

Manchmal ist genau deshalb die Frage „Wer bin ich?“  nie endgültig beantwortet. Nicht weil du dich nur noch nicht genug analysiert hast. Sondern weil du lebst. 

Das macht die Sache unübersichtlicher.

Zum Glück.


Herzlichst

Jacqueline

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