Jacqueline Stroka
08 Sep
08Sep

Über Standards, Verantwortung, innere Antreiber – und die Befürchtung, ohne Selbsthärte völlig zu verlottern

„Wenn ich nicht streng mit mir bin, passiert überhaupt nichts.“

Ein beliebter Satz. Dicht gefolgt von:

„Irgendjemand muss mich schließlich antreiben.“ 

„Wenn ich mir das durchgehen lasse, mache ich es wieder.“

 „Ich darf mich jetzt nicht auch noch bemitleiden.“

„Ein bisschen Selbstkritik hat noch niemandem geschadet.“

„Ich kenne mich. Wenn ich nachlässig werde, war’s das.“

Dahinter steckt häufig eine ziemlich spannende Annahme:

Ohne innere Härte verliere ich die Kontrolle über mich selbst.

Dann wird Selbstkritik nicht nur zu einer Rückmeldung. Sie wird zum Aufsichtspersonal, zum inneren Türsteher, zum Qualitätsmanagement, zum Erziehungsberechtigten.

Mitunter auch zur Strafvollzugsanstalt.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht: Ist Selbstkritik gut oder schlecht?

Das wäre für VSP viel zu grob. Die interessantere Frage lautet:

Was soll sie tun?


Ein alter Gedanke, heute anders weitergedacht

Viele Patienten berichten über einen inneren Antreiber mit Peitsche und Megafon.

Ich frage dich ganz offen: Glaubst du, dass du dich beurteilen musst, um dich selbst „in der Spur“ zu halten?

Dies trifft häufig zu: die Vorstellung, Menschen würden sich wegen ihres Körpers abwerten und gerade diese Abwertung bringe sie dazu, ins Fitnessstudio zu gehen. 

Fragt man Menschen im Studio, was zu ihrer Entscheidung führte: "Am Ende gehe ich, weil ich es tue – nicht weil ich mich vorher ausreichend schlechtgemacht habe." 

Früher wäre mein absoluter Schlussrat gewesen: „Beurteile dich niemals“.  Das würde ich heute nicht mehr machen, denn Menschen dürfen sich selbstverständlich betrachten, bewerten, korrigieren und sagen: „Das war nicht gut.“ „Das entspricht meinen Maßstäben nicht.“ „Das möchte ich anders machen.“ „Da habe ich Mist gebaut.“

Das Problem beginnt an einer anderen Stelle. Nämlich dort, wo aus:

„Mein Verhalten war problematisch.“

wird:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“

Oder aus:

„Ich möchte etwas verändern.“

wird:

„Ich muss mich erst ordentlich fertigmachen, damit ich mich endlich verändere.“

Das sind verschiedene Vorgänge.


Selbstkritik ist nicht gleich Selbstkritik

Unter diesem einen Begriff kann erstaunlich viel stecken.

Sachliche Selbstprüfung

„Was hat funktioniert? Was nicht?“ Das kann sehr hilfreich sein.

Bewertung anhand eigener Maßstäbe

„Entspricht das dem, wofür ich stehen möchte?“ Auch das kann Orientierung schaffen.

Korrektur

„Beim nächsten Mal mache ich X anders.“ Praktisch.

Selbstvorwurf

„Das hätte mir nicht passieren dürfen.“ Jetzt kommt bereits mehr Ladung hinein.

Selbstabwertung

„Typisch. Ich kriege einfach nichts hin.“ Jetzt wird aus einer Situation eine Identitätsaussage.

Selbstbestrafung

„Ich darf mich jetzt auf keinen Fall gut fühlen.“ Spätestens hier ist die Frage erlaubt: Welche Aufgabe erfüllt das eigentlich noch?


SPECHT fragt: Wovor soll Selbstkritik mich bewahren?

Wenn jemand sagt:

„Ich muss streng mit mir sein.“

würde SPECHT vermutlich sofort nachhämmern: Sonst passiert was?

Sonst werde ich faul, rücksichtslos, unzuverlässig, dick, erfolglos, egoistisch, bequem, nachlässig mache denselben Fehler noch einmal, verliere meine Standards, werde „so wie …“?

Da wird es interessant. Denn möglicherweise geht es gar nicht hauptsächlich um Kritik. Es geht um eine Befürchtung.

Wenn der innere Kontrolleur Urlaub nimmt, übernimmt angeblich sofort das Chaos.

Das wäre eine ziemlich brauchbare Gegenprobe:

Was glaube ich über mich, wenn niemand innerlich mit dem Stock hinter mir steht?


ELSTER hört auf die Grammatik

Sprache verrät hier erstaunlich viel.

Vergleiche: „Ich habe eine schlechte Entscheidung getroffen.“ mit: „Ich bin schlecht darin, Entscheidungen zu treffen.“

Oder: „Ich habe jemanden verletzt.“ mit: „Ich bin ein schlechter Mensch.“

Oder: „Ich habe die Prüfung nicht bestanden.“ mit: „Ich bin zu dumm dafür.“

Die erste Variante beschreibt etwas. Die zweite erklärt gleich die komplette Person.

ELSTER würde deshalb fragen:

Kritisiere ich gerade ein Verhalten – oder stelle ich meine ganze Person vor Gericht?

Ein Fehler ist ein Ereignis. Eine misslungene Entscheidung ist eine Entscheidung. Ein versäumter Termin ist ein versäumter Termin.

Daraus darf eine Erkenntnis entstehen. Es braucht nicht zwangsläufig eine Identität dazu.


RABE weigert sich, alles weichzuspülen

Hier kommt die andere Seite. „Sei doch einfach lieb zu dir“ reicht ebenfalls nicht.

Manchmal war Verhalten tatsächlich daneben. Manchmal wurde Verantwortung nicht übernommen. Manchmal haben andere Menschen einen Preis bezahlt. Manchmal wissen wir sehr genau, dass wir gerade Ausflüchte produzieren.

RABE sagt deshalb nicht:

„Alles ist okay.“

RABE fragt:

Was davon muss ich mir tatsächlich eingestehen?

Vielleicht: „Ich habe jemanden unfair behandelt.“ „Ich habe meine Verantwortung weggeschoben.“ „Ich habe etwas versprochen und nicht eingehalten.“ „Ich habe meine eigenen Grenzen wiederholt ignoriert.“ „Ich habe Geld ausgegeben, das ich nicht hatte.“

Das darf unangenehm sein. RABE braucht nur keinen anschließenden öffentlichen Innenhof mit Pranger.

Ehrlichkeit und Selbstbestrafung sind nicht dasselbe.


KONDOR erinnert: Verantwortung verschwindet nicht, wenn Strafe wegfällt

Das ist der Knackpunkt. Viele Menschen befürchten:

Wenn ich mich nicht schlecht fühle, nehme ich mein Verhalten nicht ernst.

Doch Verantwortung besteht nicht hauptsächlich aus schlechtem Gefühl.

Verantwortung kann heißen: Was ist passiert? Wer war betroffen? Was war mein Anteil? Was kann ich korrigieren? Was muss ich wiedergutmachen? Welche Konsequenz folgt daraus? Was möchte ich künftig anders organisieren? Welche Grenze oder Struktur brauche ich? 

Keine einzige dieser Fragen verlangt zwingend:

„Und jetzt hasse dich bitte noch drei Tage angemessen dafür.“

KONDOR könnte trocken festhalten:

Die Konsequenz bleibt eine Konsequenz, auch ohne persönliche Hinrichtung.

PANDA fragt nach dem Moment nach dem Fehler

Da liegt häufig eine interessante Abzweigung.

Etwas ist schiefgegangen. Der Mensch bemerkt es. Jetzt gäbe es verschiedene Möglichkeiten: prüfen, korrigieren, entschuldigen, lernen, neu planen, Pause machen, Unterstützung holen.

Stattdessen beginnt manchmal: „Warum bin ich so?“ „Ich wusste es.“ „Typisch ich.“ „Ich kriege mein Leben nicht hin.“

Eine halbe Stunde später wurde sehr viel gelitten. Geändert wurde erstaunlich wenig.

PANDA würde deshalb fragen:

Brauche ich gerade Bestrafung – oder erst einmal genug Ruhe, um überhaupt wieder vernünftig hinsehen zu können?

Pause ist keine Absolution. Sie kann die Voraussetzung dafür sein, sinnvoll weiterzuarbeiten.


IGEL kontrolliert den Preis der inneren Härte

Selbstkritik kann kurzfristig tatsächlich etwas bewirken. Druck kann Menschen in Bewegung bringen. Angst kann Verhalten verhindern. Scham kann dazu führen, dass Regeln eingehalten werden.

Das allein beantwortet jedoch nicht, ob eine Strategie langfristig sinnvoll ist.

IGEL fragt deshalb:

Was funktioniert daran?

und direkt danach:

Was kostet es?

Vielleicht bringt die Härte:

Disziplin, Leistung, Ordnung, Zuverlässigkeit, Anpassung, Fehlervermeidung.

Der Preis könnte gleichzeitig sein: ständige Anspannung, Angst vor Fehlern, Vermeidung neuer Versuche, übermäßiges Kontrollieren, keine Anerkennung eigener Erfolge, immer höhere Anforderungen, das Gefühl, nie genug zu sein.

Eine Strategie kann funktionieren und trotzdem teuer sein. Genau deshalb gehört beides auf die Landkarte.


FAMOS findet einen besonders interessanten Satz

„Ich bin eben selbstkritisch.“

Das klingt hervorragend reflektiert und anspruchsvoll - fast wie eine Tugend.

FAMOS würde allerdings prüfen: Was bedeutet „selbstkritisch“ konkret?

Prüfe ich mein Verhalten oder beleidige ich mich?

Übernehme ich Verantwortung oder verweigere ich mir Anerkennung?

Korrigiere ich Fehler oder erkläre ich Erfolge für selbstverständlich und Fehler für charakterenthüllend?

„Selbstkritisch“ kann eine schöne Fassade für ziemlich rohe Selbstabwertung sein. Nicht immer. Genau deshalb wird geprüft.


OTTER möchte wissen, ob es auch ohne Dresche funktioniert

OTTER schlägt eine ziemlich pragmatische Gegenprobe vor. Nicht:

„Ab heute kritisiere ich mich nie wieder.“

Sondern:

Nimm eine konkrete Situation und ersetze Selbstbestrafung durch eine andere Steuerungsmethode.

Beispiel: Statt: „Du faule Socke, geh endlich trainieren.“ -> Teste: „Dienstag 17 Uhr. Tasche steht an der Tür. 30 Minuten.“

Statt: „Ich bin chaotisch.“ -> Teste: „Jede Rechnung kommt sofort in diesen einen Ordner.“

Statt: „Ich kann mich nie beherrschen.“-> Teste: „Für diese Situation lege ich vorher eine Grenze fest.“

Das ist typisch OTTER: Nicht philosophieren, ob Selbstkritik unverzichtbar ist. Testen.

Welche Steuerung funktioniert? Welche nicht? Was hilft tatsächlich?


Das eigentlich Interessante: Was ist mein inneres Menschenbild?

Unter der ganzen Frage steckt möglicherweise noch etwas Größeres.

Wie glaube ich, dass Menschen funktionieren? Brauchen Menschen Druck, damit sie handeln? Brauchen sie Angst, damit sie Grenzen achten? Brauchen sie Scham, damit sie sich anständig verhalten? Brauchen sie Strafe, damit sie lernen?

Brauche ich das? Das ist keine kleine Frage.

Denn wer glaubt,

„Ohne Druck mache ich nichts“

wird Druck möglicherweise immer wieder erzeugen.

Wer glaubt,

„Ohne Selbstvorwürfe werde ich verantwortungslos“

wird Selbstvorwürfe irgendwann mit Verantwortung verwechseln.

Wer glaubt,

„Ich darf erst zufrieden sein, wenn alles erledigt ist“

wird erstaunlich wenig Gelegenheit bekommen, zufrieden zu sein.

Damit kommen wir von der Selbstkritik direkt zu GEGÜGEMVEITS: Welche Gedanken, Echos, Überzeugungen, Erinnerungen, Muster und welche alten Sätze, Vorstellungen über Leistung, Fehler und Anstand?


Eine VSP-Gegenprobe

Nimm eine aktuelle Selbstkritik.

Zum Beispiel:

„Ich bin so undiszipliniert.“

Dann frage:

1. Was ist tatsächlich passiert?

„Ich war diese Woche nicht beim Sport.“

2. Was bewerte ich daran?

„Ich wollte dreimal gehen.“

3. Welcher Maßstab liegt darunter?

„Wenn ich mir etwas vornehme, sollte ich es tun.“

4. Welche Funktion hat mein Vorwurf?

„Ich will verhindern, dass ich nächste Woche wieder nicht gehe.“

5. Funktioniert diese Methode?

Das wird spannend.

6. Welche andere Steuerung wäre möglich?

Termin. Verabredung. Kleinere Einheit. Andere Sportart. Andere Priorisierung. Bewusste Entscheidung, diese Woche nicht zu trainieren. 

Jetzt wurde aus:

„Ich bin undiszipliniert.“

eine untersuchbare Situation. Das ist VSP.


Brauche ich Selbstkritik?

Meine derzeitige Antwort lautet: Es kommt darauf an, was wir damit meinen. Menschen dürfen ihr Verhalten kritisch betrachten.

Sie dürfen Standards haben. Sie dürfen unzufrieden sein. Sie dürfen sagen: „Das war scheiße.“ Sie dürfen Veränderung verlangen. 

Die entscheidende Gegenprobe lautet:

Hilft meine Selbstkritik mir, genauer zu sehen und sinnvoll zu handeln – oder versucht sie, mich durch Angst, Scham oder Abwertung unter Kontrolle zu halten?

Und wenn die Antwort lautet: „Ich brauche sie, damit ich mich benehme“, würde ich noch eine Frage hinterherschicken:

Was würde passieren, wenn du Verantwortung behältst – und die Strafe weglässt?

Das wäre ein ziemlich guter Startpunkt.

Herzlichst, Jacqueline

P.S. ich habe für dich im Shop:

VSP-Fragenkompass

VSP-Fragenkompass-Tiefensonar

Diese in sich geschlossene Probe schenke ich dir, da du hier bis zum Schluss gelesen hast.

Danke für dich.

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