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Wieso sollte Gleichgültigkeit der Ritterschlag gelungener Verarbeitung sein?

Es gibt diese merkwürdige Vorstellung vom erfolgreichen Loslassen.

Irgendwann denkst du nicht mehr daran.

Irgendwann vermisst du nicht mehr.

Irgendwann tut es nicht mehr weh.

Irgendwann ist es dir egal.

Tadaaa. Verarbeitung abgeschlossen. Urkunde bitte am Ausgang abholen.

Nur mal eine blöde Frage: Wieso sollte ausgerechnet Gleichgültigkeit der Ritterschlag gelungener Verarbeitung sein?

Was, wenn ein Mensch wichtig war? Was, wenn eine Beziehung dein Leben geprägt hat? Was, wenn etwas wunderschön, beschissen, bedeutsam, enttäuschend, innig, zerstörerisch, lehrreich oder alles gleichzeitig war?

Weshalb sollte eine gelungene Verarbeitung daran erkennbar sein, dass davon möglichst nichts mehr spürbar ist?

Loslassen ist nicht dasselbe wie Entlieben

Der Satz, von dem wir ausgegangen sind, lautet:

„Loslassen heißt nicht aufhören zu lieben. Es heißt, aufhören zu kontrollieren, wie es sich anfühlen darf.“

Darin steckt ein ziemlich unbequemer Gedanke. 

Du kannst einen Menschen noch lieben und trotzdem nicht mehr mit ihm leben wollen.Du kannst ihn vermissen und trotzdem nicht zurückgehen.

Du kannst dankbar für gemeinsame Jahre sein und trotzdem froh darüber, dass sie vorbei sind.

Du kannst wütend sein, obwohl du längst verstanden hast, wie etwas entstehen konnte.

Du kannst vergeben und Abstand halten. Du kannst nicht vergeben und trotzdem weiterleben.

Das menschliche Innenleben hat erfreulicherweise keine Pflicht zur sortenreinen Lagerhaltung.

Liebe muss nicht automatisch bedeuten: Bleib. Sehnsucht muss nicht bedeuten: Geh zurück. Trauer muss nicht bedeuten: Die Entscheidung war falsch. Erleichterung muss nicht bedeuten: Dann hast du nie wirklich geliebt.

Ein Gefühl ist zunächst ein Gefühl. Kein Arbeitsauftrag.

Wenn der Schmerz plötzlich auch noch „falsch“ ist

Nach einer schwierigen Beziehung, einem Verlust, einer Trennung oder einer tiefen Enttäuschung gibt es bereits genug zu verarbeiten.

Dann kommt häufig noch eine zweite Baustelle dazu. Nicht nur:„ Es tut weh.“ Sondern: „Es dürfte nicht mehr wehtun.“

Nicht nur: „Ich vermisse ihn.“ Sondern: „Was stimmt mit mir nicht, dass ich ihn noch vermisse?“

Nicht nur: „Ich bin traurig.“ Sondern: „Nach allem, was passiert ist, müsste ich doch froh sein.“

Damit entsteht aus einem Schmerz plötzlich ein Doppelpack: Schmerz plus Selbstverurteilung. Genau hier bekommt der zweite Satz seine Bedeutung:

„Ich habe aufgehört mir einzureden, dass Frieden bedeutet, dass nichts weh tut. Frieden bedeutet, dass es wehtun darf, ohne dass ich mich dafür bestrafe.“

Frieden wäre damit nicht die Abwesenheit von Schmerz. Frieden könnte bedeuten, den Schmerz nicht zusätzlich zum Beweis gegen sich selbst zu machen.

VSP: Das Gefühl ist nicht das Urteil

Aus Sicht der Visuellen Systempsychologie lohnt sich die Trennung verschiedener Ebenen. Da ist zunächst das Erleben:

Trauer, Liebe, Wut, Erleichterung, Enttäuschung, Sehnsucht, Angst, Dankbarkeit.

Daneben stehen Gedanken und Deutungen: „Ich müsste längst weiter sein.“ „Wenn ich noch liebe, habe ich nicht richtig losgelassen.“ „Wenn ich Frieden hätte, dürfte es nicht mehr wehtun.“

Plötzlich wird aus einer inneren Wahrnehmung eine vermeintliche Beweisführung.

Ich fühle X, also muss Y wahr sein. Nur funktioniert Menschsein nicht so sauber.

Du kannst Frieden mit einer Entscheidung haben und trotzdem um das Verlorene trauern.

Du kannst wissen, dass eine Beziehung nicht mehr möglich ist und dennoch lieben.

Du kannst weitergehen, obwohl dein Inneres gelegentlich zurückschaut.

Bewusstwerdung bedeutet hier nicht, das Gefühl abzuschaffen. Sie schafft die Möglichkeit, zwischen Gefühl, Bedeutung, Handlung und Entscheidung zu unterscheiden.

Nautik: Frieden ist keine Flaute

Nautisch betrachtet ist die Vorstellung fast komisch. Der Mensch steht an Deck und erklärt dem Meer: „Ich habe jetzt verarbeitet. Ab heute bitte keine Wellen mehr.“

Das Meer dürfte davon ähnlich beeindruckt sein wie eine Katze von einer PowerPoint-Präsentation über Gehorsam.

Inneres Wetter lässt sich beeinflussen. Es lässt sich regulieren. Man kann Schutz suchen, Kurs verändern, Segel verkleinern, einen Hafen anlaufen oder sich Unterstützung holen.

Das ist Navigation.

Etwas anderes ist der Anspruch: „Dieses Wetter dürfte überhaupt nicht existieren.“

Loslassen könnte deshalb bedeuten, das Tau zu lösen, ohne den alten Hafen aus der Seekarte radieren zu müssen.

Der Hafen darf wichtig gewesen sein. Die Reise darf Spuren hinterlassen haben. Der Sturm darf wehgetan haben. Dein Schiff darf trotzdem weiterfahren.

Frieden ist nicht Windstille. Frieden kann bedeuten, im Sturm nicht zusätzlich das eigene Schiff zu versenken, weil du findest, das Wetter hätte gefälligst anders sein müssen.

ELSTER: Wenn die alte Stimme einfach intern weiterredet

Besonders spannend wird es bei schwierigen Beziehungsdynamiken. Möglicherweise hast du lange gehört: „Du bist zu sensibel.“ „Du machst aus allem ein Drama.“ „Warum kannst du nicht einfach loslassen?“ „Mit deinen Gefühlen stimmt etwas nicht.“

Die Beziehung endet. Der andere Mensch ist weg. Nur hat seine Stimme offenbar vergessen auszuziehen.

Jetzt sagst du selbst: „Warum bin ich immer noch so sensibel?“ „Wieso beschäftigt mich das noch?“ „Ich müsste längst darüber hinweg sein.“

Die äußere Entwertung kann damit zur inneren Fortsetzung werden. Das heißt nicht, dass jede Selbstkritik problematisch ist.

Reflexion bleibt wichtig. ELSTER würde nur eine zusätzliche Frage stellen: Wie gehe ich heute selbst mit dem um, was ich fühle?

Behandle ich mich respektvoll, oder eröffne ich wegen jeder unerwünschten Emotion ein internes Strafverfahren?

ELAM: Menschsein ist keine Löschfunktion

ELAM macht daraus für mich eine ziemlich einfache, zugleich unbequeme Aussage: Etwas darf vorbei sein, ohne bedeutungslos geworden zu sein.

Ein Abschnitt kann beendet sein. Ein Mensch kann keinen Platz mehr in deinem Alltag haben. Eine Beziehung kann unmöglich geworden sein. 

Trotzdem darf etwas davon bleiben. Eine Erinnerung. Eine Narbe. Eine Fähigkeit. Ein Schmerz. Eine Dankbarkeit. Eine Warnung. Eine Liebe, die keine gemeinsame Zukunft mehr verlangt.

Leben besteht nicht nur daraus, Dinge erfolgreich loszuwerden. Es besteht auch darin, ihnen einen neuen Platz zu geben.

Manches muss nicht verschwinden. Es darf seine Macht über die Richtung verlieren, ohne seine Bedeutung verlieren zu müssen.

BFE: Mal ’ne blöde Frage …

Wenn erfolgreiche Verarbeitung daran erkennbar wäre, dass nichts mehr berührt: Müssten wir dann auch glückliche Erinnerungen ausradieren? Müsste Dankbarkeit verschwinden? Müssten wir Menschen, die gestorben sind, irgendwann gleichgültig finden, damit unsere Trauer als ordentlich abgeschlossen gilt?

Weshalb wird ausgerechnet bei schwierigen Beziehungen häufig erwartet, dass die höchste Form des Loslassens lautet: „Es ist mir egal.“

Manchmal ist Gleichgültigkeit tatsächlich das Ergebnis. Völlig in Ordnung.

Nur ist sie keine Abschlussprüfung, die jeder Mensch bestehen muss. Ein anderes Ergebnis kann genauso tragfähig sein: „Es ist mir nicht egal. Es bestimmt mein Leben trotzdem nicht mehr.“

Das ist ein verdammt großer Unterschied.

Loslassen ohne innere Amnesie

Vielleicht — nein, streichen wir das Wort gleich wieder.

Loslassen muss kein emotionales Vergessen sein. Es kann eine veränderte Beziehung zu dem sein, was geblieben ist.

Ich muss nicht zurück. Ich muss nichts schönreden. Ich muss nicht behaupten, dass alles einen höheren Sinn hatte. Ich muss das Erlebte auch nicht jeden Morgen aus meinem Inneren hinauskehren, damit der Fußboden nach erfolgreicher Persönlichkeitsentwicklung aussieht.

Manche Erkenntnis darf schlicht lauten: Das war wichtig. Das war schön. Das war scheiße. Das hat wehgetan. Ich möchte es nicht noch einmal. Ich liebe vielleicht einen Teil davon noch. Ich gehe trotzdem weiter.

Darin kann mehr Frieden liegen als in jeder erzwungenen Gleichgültigkeit.

Denn:

Loslassen heißt nicht, nichts mehr zu fühlen. Frieden bedeutet nicht, dass nichts mehr weh tut. Beides kann dort beginnen, wo du aufhörst, deinem inneren Erleben vorzuschreiben, was es fühlen darf – und aufhörst, dich dafür zu bestrafen, dass du ein Mensch bist.

Oder etwas weniger feierlich: Frieden ist nicht der Zustand, in dem dein Innenleben endlich die Klappe hält. Frieden kann der Moment sein, in dem du aufhörst, es wegen jedes unerwünschten Gefühls vor dein inneres Tribunal zu zerren.

Verstehen vor Veränderung bedeutet manchmal tatsächlich, erst einmal aufzuhören, alles verändern zu wollen.

Herzlichst, Jacqueline

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