Was genau soll hier eigentlich aufhören?

„Scheiß drauf.“ Zwei Wörter, bei denen sich wahrscheinlich ungefähr die Hälfte der gepflegten Ratgeberwelt verschluckt.
Dabei ist der Satz interessanter, als sein Ruf vermuten lässt. Denn „Scheiß drauf“ kann heißen: Ich gebe auf. Ich bin fertig. Ich will das nicht mehr. Ich kann gerade nicht mehr. Ich höre auf, mich darum zu kümmern. Ich höre auf, mich dafür zu verbiegen. Ich höre auf, das Ergebnis kontrollieren zu wollen. Ich höre auf, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Ich höre auf, mich selbst dafür fertigzumachen.
Oder: So, wie ich es bisher versucht habe, funktioniert es nicht mehr.
Das sind ziemlich unterschiedliche Aussagen.
VSP interessiert sich deshalb weniger dafür, ob man „Scheiß drauf“ sagen darf. Die interessantere Frage lautet:
Eine Idee, die mich vor Jahren in meiner Arbeit begleitet hat, war die Unterscheidung zwischen einem „Fuck it“, das tatsächlich Abbruch bedeutet, und einem anderen „Fuck it“: dem Moment, in dem man aufhört, eine Situation mit Selbstverurteilung, Kontrolle, Druck und Verteidigung zusammenhalten zu wollen.
Mein damaliger kanadischer Patient erklärte mir diesen zweiten Zustand ausdrücklich nicht als Aufgeben. Eher als ein Loslassen des bisherigen inneren Kampfes, damit anschließend wieder wahrgenommen und gefragt werden kann. Genau dort sitzt für mich heute der Schatz.
Nicht im Schimpfwort - und schon gar nicht in einer Lehre darüber, dass wir nur loslassen müssten und dann würde schon alles magisch gut.
Sondern in einer ziemlich nüchternen Beobachtung:
Manchmal versuchen wir ein Problem so angestrengt zu lösen, dass unser Lösungsversuch selbst Teil des Problems wird.
Dann kann ein inneres „Jetzt scheiß ich da mal drauf.“ tatsächlich eine Unterbrechung sein.
Keine Lösung. Eine Unterbrechung. Das ist ein Unterschied.
Das ist für mich der wichtigste Satz dieses ganzen Themas:
„Scheiß drauf“ ist noch keine Entscheidung. Es ist zunächst ein Hinweis darauf, dass etwas in der bisherigen Form nicht mehr funktioniert.
Danach beginnt die eigentliche Untersuchung.
Was soll aufhören? Der gesamte Weg? Nur die bisherige Methode? Der Versuch, es allen recht zu machen? Die Erwartung, dass das Ergebnis unbedingt so aussehen muss? Der Druck? Das Grübeln? Die Selbstbestrafung? Eine Rolle? Eine Beziehung? Ein Projekt? Oder lediglich die Vorstellung, dass ich jetzt sofort wissen müsste, wie es weitergeht?
Wer all das unter demselben „Scheiß drauf“ zusammenfasst, schmeißt möglicherweise mehr weg, als eigentlich nötig wäre.
OTTER würde hier vermutlich ziemlich schnell ungeduldig. Der interessiert sich nämlich nicht besonders für dramatische Schlussreden.
OTTER möchte wissen:
Willst du wirklich das Ziel wegwerfen – oder funktioniert nur deine bisherige Lösung nicht?
Das ist ein verdammt großer Unterschied.
Vielleicht willst du nicht deine Selbstständigkeit hinschmeißen.
Vielleicht möchtest du lediglich nicht mehr sieben Plattformen gleichzeitig bespielen.
Vielleicht willst du nicht die Beziehung beenden.
Vielleicht willst du nur nicht mehr dieselbe Diskussion auf dieselbe Weise führen.
Vielleicht willst du nicht das Studium abbrechen.
Vielleicht funktioniert lediglich dein bisheriger Lernplan nicht.
Vielleicht willst du nicht „alles hinschmeißen“.
Vielleicht möchtest du einfach nicht mehr so weitermachen.
Das ist keine Wortklauberei. Das ist Navigation.
SPECHT hört: „Scheiß drauf.“ und hämmert:
„Worauf genau?“
Auf die Sache? Auf die Erwartungen? Auf das Ergebnis? Auf die Meinung einer bestimmten Person? Auf deine eigene Vorstellung davon, wie du sein solltest? Auf den Anspruch, keine Fehler machen zu dürfen? Auf die Verantwortung? Auf die Folgen? Auf deine Bedürfnisse?
Je genauer die Antwort wird, desto weniger muss man mit dem kompletten Flammenwerfer über sein Leben gehen.
„Ist mir scheißegal.“ Wirklich? Dann wäre spannend, weshalb du seit drei Nächten darüber nachdenkst.
Menschen sagen „ist mir egal“, obwohl es ihnen keineswegs egal ist.
Manchmal bedeutet der Satz: Ich will nicht mehr darüber sprechen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin verletzt. Ich bin wütend. Ich möchte keine weitere Energie hineinstecken. Ich will mir nicht eingestehen, wie wichtig mir das ist.
Oder: Ich habe tatsächlich entschieden, dass es für mich keine Priorität mehr hat.
ELSTER würde deshalb fragen:
Ist dein „Scheiß drauf“ eine Beschreibung – oder gerade eine Tarnkappe?
Auch FAMOS hat hier Arbeit. Denn demonstrative Gleichgültigkeit kann eine sehr praktische Maskerade sein. „Mir egal.“ kann nach außen ausgesprochen entspannt wirken.
Innen spielt währenddessen möglicherweise die komplette Blaskapelle.
FAMOS fragt deshalb nicht: „Bist du ehrlich oder unehrlich?“
Sondern:
Passt das, was du nach außen zeigst, zu dem, was tatsächlich in dir passiert?
Manchmal lautet die Antwort Nein. Auch das ist Information.
IGEL findet „Scheiß drauf“ grundsätzlich nicht schlimm. IGEL möchte nur wissen, worauf geschissen wird.
Auf eine überzogene Erwartung? Ausgezeichnet.
Auf eine permanente Selbstüberforderung? Bitte sehr.
Auf die Verpflichtung, sich immer nett verpacken zu müssen? Kann sinnvoll sein.
Auf die eigenen Warnsignale? Da wird IGEL ungehalten.
Auf Schlaf, Gesundheit, Grenzen oder Bedürfnisse? Dann wird aus Befreiung möglicherweise Selbstübergehung.
Deshalb:
Scheiß ruhig auf eine Erwartung. Scheiß nur nicht versehentlich auf dich selbst.
Ein spontanes „Scheiß drauf!“ kann fantastisch entlasten.
Rechnungen verschwinden dadurch leider selten. Auch Verträge, Konsequenzen, Verantwortung und andere Menschen lösen sich nicht in glitzernden Nebel auf.
KONDOR fragt deshalb:
Was bleibt bestehen, auch wenn der Druck gerade wegfällt?
Eine Entscheidung darf rotzfrech sein. Die Folgen sind gelegentlich überraschend humorlos.
Das bedeutet nicht, dass man sich von ihnen lähmen lassen muss. Es bedeutet lediglich: Entlastung und Verantwortung dürfen gleichzeitig existieren.
Menschen tun gern so, als müssten sie sofort wissen, was ihr Zustand bedeutet.
„Ich will nicht mehr.“ Aha. Dann muss ich kündigen.
„Ich kann das nicht mehr.“ Aha. Dann muss die Beziehung vorbei sein.
„Scheiß drauf.“ Aha. Dann wird alles abgebrochen.
PANDA sagt: Nö. Ein Zustand darf zunächst ein Zustand sein.
Du darfst drei Minuten die Schnauze voll haben, ohne daraus sofort einen Fünfjahresplan zu machen.
Pause. Atmen. Nachspüren. Danken – nicht im Sinne von „Wie schön, dass alles scheiße ist“, sondern dafür, dass irgendein Anteil gerade ziemlich deutlich meldet: So geht es nicht weiter. Anerkennen. Dann untersuchen.
Jetzt könnte man aus all dem natürlich gleich die nächste Weisheit bauen: „Du darfst niemals aufgeben. Du musst nur deine Strategie ändern.“ Auch Quatsch.
Manchmal ist die beste Entscheidung tatsächlich: Schluss.
Nicht jede Beziehung muss gerettet werden.
Nicht jedes Projekt verdient noch eine Ehrenrunde.
Nicht jedes Ziel gehört automatisch bis zum Lebensende verfolgt.
Nicht jede Investition wird dadurch sinnvoller, dass bereits viel investiert wurde.
RABE würde vermutlich sagen:
Manchmal ist Aufhören kein Versagen. Manchmal ist Aufhören das Ergebnis gründlichen Hinsehens.
Der entscheidende Punkt ist nicht: Aufgeben = schlecht.
Der Punkt ist: Weißt du, was du gerade beendest – und weshalb?
Ein weiterer Gedanke, der mir jetzt noch einfällt, ist für VSP besonders interessant: Mal 'ne blöde Frage... können Menschen sich selbst beurteilen und bestrafen, weil sie glauben, sie müssten sich dadurch „in der Spur halten“. Das kennen wir in unzähligen Varianten: Wenn ich nicht hart zu mir bin, werde ich faul. Wenn ich mir diesen Fehler verzeihe, mache ich ihn wieder. Wenn ich mich nicht schäme, lerne ich nichts. Wenn ich mich nicht antreibe, passiert überhaupt nichts. Hier lohnt eine Gegenprobe:
Brauche ich wirklich Selbstbestrafung, um Verantwortung zu übernehmen?
Ich kann feststellen: „Das war Mist.“ Ich kann Konsequenzen ziehen. Ich kann etwas wiedergutmachen. Ich kann einen Fehler untersuchen. Ich kann meine Strategie ändern.
Keiner dieser Schritte verlangt zwingend: „Und jetzt mache ich mich noch persönlich fertig.“
Verantwortung fragt: Was ist passiert und was mache ich jetzt damit?
Selbstverurteilung fragt: Was stimmt mit mir nicht?
Das sind zwei unterschiedliche Expeditionen. -> Mehr dazu im nächsten Artikel.
Wenn du das nächste Mal an den Punkt kommst: „Scheiß drauf.“ musst du dich nicht sofort zurückpfeifen. Mach den Satz etwas länger.
Was soll weg?
Ein Ziel?Eine Beziehung?Ein Wert?Eine Verantwortung?Ein Bedürfnis?
Das Ergebnis?Andere Menschen?Meine Wirkung?Meine Gefühle?Die Zukunft?
Zeit?Kraft?Geld?Selbstachtung?Schlaf?Möglichkeiten?
Nicht alles.Diesen Teil.
KONDOR lässt grüßen.
OTTER wartet bereits mit dem Stein.
Nicht, weil jedes impulsive Hinschmeißen genial wäre - und schon gar nicht, weil Konsequenzen unwichtig sind oder weil Gleichgültigkeit angeblich automatisch Befreiung bedeutet.
Der Satz kann interessant werden, wenn wir ihn als Hinweis lesen. Hinweis darauf, dass etwas zu viel geworden ist. Dass eine Strategie versagt. Dass Kontrolle gerade mehr Kraft verbraucht als Orientierung schafft. Dass eine Rolle eng geworden ist. Dass eine Erwartung geprüft gehört. Dass eine Grenze erreicht wurde.D ass wirklich etwas beendet werden darf. Oder ganz banal, dass der Mensch gerade erst einmal fünf Minuten seine Ruhe braucht.
Darum lautet die VSP-Frage nicht:
Sondern:
Manchmal lautet die Antwort: Die ganze Sache kann weg.
Manchmal: Nur meine bisherige Art, damit umzugehen.
Beides kann ein Startpunkt sein.
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