27 Aug
27Aug

Die Frage, ob eine Beziehung Entwicklung eröffnet – oder lediglich eine neue Rolle hervorbringt

Beziehungen verändern Menschen.

Das ist weder romantische Magie noch automatisch problematisch.

Wir lernen neue Gewohnheiten kennen, neue Sichtweisen, neue Grenzen, neue Möglichkeiten.

Wir entdecken Seiten an uns, die vorher kaum Raum hatten.

Manchmal werden wir mutiger. Manchmal klarer. Manchmal weicher. Manchmal nervt uns ein anderer Mensch derart zuverlässig an exakt derselben Stelle, dass wir irgendwann nicht mehr behaupten können, da sei nichts.

Auch das ist Entwicklung. Nur leider trägt nicht jede Veränderung automatisch das goldene Qualitätssiegel: „Persönliches Wachstum.“

Manche Veränderung ist schlicht: Ich habe gelernt, mich geschickter anzupassen.

Herzlichen Glückwunsch. Die neue Version funktioniert besser im System. Ob sie sich dabei noch nach Dir anfühlt, ist eine andere Frage.


Anpassung kann verdammt kompetent aussehen

Anpassung ist nicht dumm. Im Gegenteil.

Sie kann beeindruckend intelligent sein. Du merkst schnell, wann jemand empfindlich reagiert. Du weißt, wann Du besser schweigst. Du kennst die Themen, die einen schönen Abend zuverlässig in ein kleines Bürgerkriegsgebiet verwandeln. Du weißt, wie etwas formuliert werden muss, damit der andere nicht dichtmacht. Du erkennst, wann Nähe erwünscht ist und wann Abstand. Du spürst, wann Zustimmung gerade günstiger ist als Ehrlichkeit.

Von außen wirkt das möglicherweise sozial kompetent - manchmal ist es das auch. Nur sollte man gelegentlich prüfen, ob man Beziehung gestaltet oder ein hochentwickeltes Frühwarnsystem betreibt.


„Ich bin viel gelassener geworden“

Wunderbar. Wirklich - oder hast Du aufgehört, Dinge anzusprechen?

„Ich rege mich nicht mehr über alles auf.“ Großartig - oder hast Du gelernt, Deine Reaktion so früh abzuwürgen, dass sie kaum noch sichtbar wird?

„Ich bin kompromissfähiger.“ Sehr schön - oder hast Du inzwischen eine olympiareife Disziplin daraus gemacht, Deine eigenen Wünsche zuerst vom Spielfeld zu nehmen?

„Ich bin nicht mehr so schwierig.“ Aha. Wer hat eigentlich festgelegt, dass Du schwierig warst?

Es lohnt sich, Entwicklung nicht nur danach zu bewerten, ob sie Beziehung reibungsloser macht. Denn auch ein gut geöltes Getriebe kann einen Menschen zermahlen.


Eine neue Rolle kann sich wie Reife anfühlen

Menschen übernehmen in Beziehungen Rollen.

Die Vernünftige. Der Starke. Die Verständnisvolle. Der Ruhige. Die Vermittlerin. Der Problemlöser. Der Optimist.

Diejenige, die immer noch eine Erklärung findet. Derjenige, der alles aushält.

Die Rollen müssen nicht von außen vergeben werden. Wir bringen viele davon bereits mit.

Dann treffen zwei Menschen aufeinander und plötzlich passt eine alte Rolle erstaunlich gut in eine neue Beziehung. Fast verdächtig gut. Einer wird emotional. Der andere reguliert. Einer zieht sich zurück. Der andere rennt hinterher. Einer weiß nicht weiter. Der andere übernimmt. Einer zweifelt. Der andere erklärt.

Schon läuft das System. Effizient, vertraut und irgendwann so selbstverständlich, dass niemand mehr fragt: Will ich diese Rolle überhaupt noch?


Funktionieren ist kein Beweis für Stimmigkeit

Das ist einer meiner Lieblingsirrtümer. Etwas funktioniert. Also muss es gut sein. Nein.

Auch Überanpassung funktioniert. Konfliktvermeidung funktioniert. Selbstzurücknahme funktioniert. Schweigen funktioniert. Aushalten funktioniert. Sogar sich selbst kleinzureden funktioniert erstaunlich lange.

Der menschliche Organismus ist kreativ. Er findet Wege. Nur sind Wege nicht automatisch Ziele.

Deshalb interessiert mich weniger: Funktioniert diese Beziehung? und stärker: Wie funktioniert sie – und wer bezahlt dafür?


Entwicklung erweitert Handlungsspielraum

Das ist für mich ein brauchbarer Unterschied.

Entwicklung macht nicht alles leichter. Sie macht uns auch nicht immer angenehmer.

Manchmal werden wir durch Entwicklung sogar unbequemer. Wir stellen Fragen. Setzen Grenzen. Ändern Entscheidungen. Sagen Nein. Hören auf, Dinge schönzureden. Trauen uns, Wünsche auszusprechen. Merken, dass alte Rollen nicht mehr passen. Entwicklung erweitert Möglichkeiten.

Ich kann zustimmen. Ich kann widersprechen. Ich kann bleiben. Ich kann Abstand nehmen. Ich kann reden. Ich kann schweigen. Ich kann Hilfe annehmen. Ich kann sie ablehnen. Anpassung dagegen verengt häufig.

Ich weiß irgendwann sehr genau, was ich tun muss, damit nichts eskaliert. 

Das ist nicht Freiheit. Das ist Expertise im Vermeiden.


Wenn „Frieden“ hauptsächlich bedeutet, dass ich mich zurücknehme

Manche Beziehungen werden ruhiger, weil beide lernen. Andere werden ruhiger, weil einer immer besser darin wird, sich selbst rechtzeitig aus dem Weg zu räumen. Das sieht von außen erstaunlich ähnlich aus.

Weniger Streit. Weniger Reibung. Weniger Diskussionen. Weniger Drama. 

Klingt traumhaft. Bis man merkt: Es gibt auch weniger Meinung. Weniger Wunsch. Weniger Widerspruch. Weniger Eigenes.

Dann ist nicht unbedingt Frieden entstanden. Es kann auch sein, dass ein Mensch sich hervorragend unsichtbar gemacht hat.


„Ich habe gelernt, loszulassen“

Auch so ein Satz mit Heiligenschein.

Loslassen kann klug sein. Es kann befreiend sein. Es kann bedeuten, nicht jeden Konflikt bis zum letzten Molekül zu sezieren.

Es kann aber auch heißen: Ich spreche Dinge nicht mehr an, weil es ohnehin nichts bringt.

Das ist keine kleine Unterscheidung. Das eine ist Gelassenheit. Das andere kann Resignation sein. Beide sehen von außen erstaunlich entspannt aus.


Beziehung kann alte Anteile verstärken

Nicht jede Beziehung holt „das Beste“ in uns hervor. Manche holen das Vertrauteste hervor.

Den Retter. Die Friedensstifterin. Den Kontrolleur. Die Anpassungsmeisterin. Den Rückzügler. Denjenigen, der immer Recht behalten muss. Diejenige, die sich lieber schuldig fühlt, als jemanden zu enttäuschen.

Das ist keine Anklage gegen Beziehungen. Es ist schlicht Systemdynamik. 

Beziehungen erzeugen Kontext. Kontext aktiviert Verhalten.

Deshalb reicht die Frage: Wie bin ich in dieser Beziehung? noch nicht. Interessanter ist: Welche Seiten von mir werden hier immer wieder gebraucht – und welche kommen kaum vor?


Wer darf ich sein, wenn niemand etwas von mir braucht?

Das ist eine freche kleine Frage.

Denn viele Rollen erhalten ihren Wert dadurch, dass sie gebraucht werden. Die Vernünftige wird gebraucht. Der Starke wird gebraucht. Die Helfende wird gebraucht. Der Problemlöser wird gebraucht. Die Ruhige wird gebraucht.

Doch was passiert, wenn Du nicht gebraucht wirst? Bist Du dann noch interessant? Noch liebenswert? Noch sichtbar?

Oder entsteht sofort der Impuls, wieder etwas zu leisten, zu lösen, zu tragen oder zu stabilisieren? 

Manchmal ist nicht die Beziehung das Gefängnis. Manchmal ist die eigene Rolle einfach verdammt gemütlich eingerichtet.


Auch positive Rückmeldung kann Anpassung verstärken

Das ist der charmante Teil.

Niemand sagt: „Bitte verliere Dich selbst.“ Es klingt eher so: „Mit Dir kann man so gut reden.“ „Du bist so unkompliziert.“ „Du verstehst mich einfach.“ „Du bist immer für mich da.“ „Du machst nie ein Drama.“ „Bei Dir fühle ich mich sicher.“

Alles schöne Sätze. Nur lohnt sich auch hier ein Blick dahinter. 

Was genau wird gelobt? Deine Person? Oder Deine Funktion? Bist Du wertvoll, weil Du Du bist? Oder hauptsächlich, weil Du zuverlässig wenig Arbeit machst? 

Provokant? Ja. Uninteressant? Ganz sicher nicht.


Nähe darf Dich erweitern

Eine Beziehung kann Räume öffnen. 

Du probierst Dinge aus, die Du allein nie getan hättest. Du lernst, Dich mitzuteilen. Du wirst mutiger. Du erlebst, dass Konflikt nicht automatisch Verlust bedeutet. Du lernst, Hilfe anzunehmen. Du merkst, dass ein Nein überlebt werden kann. Du entdeckst Freude, Sexualität, Neugier, Kreativität oder Ruhe neu.

Das ist Entwicklung. Nicht, weil alles angenehmer wird. Sondern weil mehr von Dir möglich wird.

Mehr Beweglichkeit. Mehr Ausdruck. Mehr Wahl. Mehr Zugang zu Dir selbst.


Eine Beziehung darf Dich fordern – aber nicht auf eine Rolle reduzieren

Beziehung fordert. Manchmal ordentlich.

Sie konfrontiert uns mit Ecken, die allein gemütlich unentdeckt geblieben wären. Das ist kein Problem.

Problematisch wird es, wenn aus Entwicklung eine einseitige Stellenbeschreibung wird.

Dein Aufgabenprofil:

  • ruhig bleiben
  • Verständnis haben
  • nicht zu viel brauchen
  • Konflikte elegant lösen
  • niemanden überfordern
  • immer schön reflektiert sein
  • möglichst nie genervt reagieren
  • eigene Bedürfnisse in handliche Portionen schneiden

Klingt fast nach Stellenausschreibung.

Arbeitszeit: 24/7. Vergütung: Nähe nach Verfügbarkeit. Probezeit: unbefristet.

Da darf man schon einmal fragen, ob man Partnerin ist oder emotionales Multifunktionsgerät.


Mehr ich selbst heißt nicht: kompromissloser werden

Das wäre zu billig.

„Ich bin jetzt endlich ich selbst“ kann auch zur eleganten Ausrede werden, jede Rücksicht einzustellen.

Authentizität ohne Verantwortung ist nur Egoismus mit schickerem Etikett.

Mehr ich selbst bedeutet nicht: Ich mache immer, was ich will. Es bedeutet: Ich kenne meine Position besser, ich kann sie benennen. Auch kann ich sie verändern, ohne mich zu verraten. Ich kann Rücksicht nehmen, ohne mich aufzulösen. Ich kann Verantwortung übernehmen, ohne für alles zuständig zu sein. Ich kann mich anpassen, ohne mich zu verlieren.


Entwicklung sieht nicht immer attraktiv aus

Manchmal sieht sie aus wie: ein unangenehmes Gespräch, eine enttäuschte Reaktion, ein Nein, eine Pause, eine Grenze, ein „Das sehe ich anders.“, ein „Das möchte ich nicht mehr.“, ein „Ich weiß gerade nicht, was ich will.“, ein „Das war mein Anteil.“ , ein „Das war nicht meiner.“

Nicht besonders Instagram-tauglich. Dafür nützlich.


Die ironische Kontrollfrage

Wenn Du das Gefühl hast: Ich bin in dieser Beziehung so viel reifer geworden, dann gratuliere ich erst einmal.

Danach würde ich frech nachfragen: Bist Du freier geworden? Klarer? Beweglicher? Mutiger? Ehrlicher? Kannst Du mehr von Dir zeigen?

Oder bist Du einfach besser darin geworden, Reibung zu vermeiden?

Letzteres ist auch eine Fähigkeit. Nur sollten wir sie nicht versehentlich Persönlichkeitsentwicklung nennen.


Woran sich echte Entwicklung zeigen kann

Nicht an Perfektion.Nicht daran, dass alles harmonisch läuft.Nicht daran, dass man „besser funktioniert“.Eher daran:Du bemerkst früher, was in Dir passiert.Du kannst Bedürfnisse benennen.Du hältst Unterschiedlichkeit besser aus.Du setzt Grenzen klarer.Du kannst Verantwortung übernehmen, ohne Dich vollständig schuldig zu fühlen.Du brauchst nicht jede Reaktion des anderen zu kontrollieren.Du darfst Nein sagen.Du darfst Ja sagen.Du darfst Deine Meinung ändern.Du darfst Nähe wollen.Du darfst Abstand brauchen.Du musst nicht ständig eine Rolle erfüllen, um Dich zugehörig zu fühlen.Das ist keine Garantie für eine perfekte Beziehung.Es ist ein größerer Handlungsspielraum.


Wer oder was bin ich ohne diese Rolle?

Das ist der spannendste Teil.

Ohne „die Vernünftige“. Ohne „die Starke“. Ohne „die Pflegeleichte“. Ohne „diejenige, die alles versteht“. Ohne „den Retter“. Ohne „den, der nie etwas braucht“.

Wer bleibt dann?

Vielleicht kommt erst einmal Unsicherheit. Denn Rollen geben Orientierung.

Sie haben einmal etwas ermöglicht. Zugehörigkeit. Sicherheit. Anerkennung. Einfluss. Nähe.

Das sollte man nicht abwerten.

Eine alte Rolle kann viel geleistet haben. Sie darf trotzdem irgendwann in Rente.

Mit Dankesurkunde. Ohne lebenslange Vertragsverlängerung.


Eine Frage für die Expedition

Nicht: Bin ich in dieser Beziehung besser geworden? 

Sondern: Bin ich mehr geworden – oder nur passender?

Habe ich mehr Möglichkeiten? Oder weniger Reibung?

Kann ich mehr Seiten von mir zeigen? Oder nur die, die gut funktionieren? 

Bin ich lebendiger? Oder effizienter? 

Bin ich klarer? Oder bloß vorsichtiger? 

Hat diese Beziehung mir Raum gegeben? Oder habe ich gelernt, mich besser in den vorhandenen Raum hineinzufalten? 

Das ist keine Frage gegen Beziehung. Es ist eine Frage für Bewusstwerdung. 

Denn nicht jede Veränderung ist Entwicklung. Manchmal ist sie schlicht Anpassung mit sehr guter PR. 

Jacqueline Stroka Expedition: Leben als Mensch

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