Rache, Reue, Wiedergutmachung – und die Frage, was eigentlich wieder in Ordnung kommen soll

Aus aktuellem Anlass: Ein heutiges Gespräch in der Praxis brachte mich zu diesem Artikel:
Es gibt Gedanken, die klingen in einem hübschen Selbsthilfe-Post eher mittelmäßig.
„Ich wünsche ihm alles Gute“ gehört meistens nicht dazu.
„Ich hoffe, sie merkt irgendwann, was sie angerichtet hat“ schon eher.
Noch deutlicher wird es bei: „Ich will, dass die Person endlich einmal spürt, was sie mir angetan hat.“
Der Klassiker: „Ich will, dass sie irgendwann dasitzt und merkt, was sie mit mir verloren hat.“
Die etwas ungeschminktere Variante: „Ich hoffe, es geht ihr damit richtig beschissen.“
Solche Gedanken werden gern in zwei Richtungen entsorgt. Die eine Seite erklärt sie zum Beweis dafür, dass man noch nicht „geheilt“ sei. Die andere verkauft sie als selbstbewusste Rückeroberung der eigenen Macht.
Beides ist mir zu einfach.
Ein Rachegedanke ist zunächst einmal ein Gedanke, mit der Frage, welchen Auftrag er bekommen hat.
Hinter dem Wunsch, dass der andere leidet, können ziemlich unterschiedliche Dinge stecken.
Jemand hat dich verletzt, und du hast erklärt, och einmal erklärt, dabei andere Worte gesucht, möglicherweise Beispiele genannt.
Unzählige Male hast du versucht, dich verständlich zu machen. Schlussendlich blieb womöglich das Gefühl: „Du hast überhaupt nicht begriffen, was du da angerichtet hast.“
Dann kann der Gedanke entstehen:
Wenn du das selbst einmal erleben würdest, würdest du mich endlich verstehen.
Das klingt zunächst logisch.
Nur gibt es ein kleines Problem: Leiden und Verstehen sind nicht dasselbe.
Ein Mensch kann sich hundsmiserabel fühlen und trotzdem keinerlei Verbindung zu dem herstellen, was er einem anderen Menschen zugefügt hat.
Er kann leiden und sich ungerecht behandelt fühlen, oder leiden und wütender werden.
Er kann leiden und weiterhin felsenfest davon überzeugt sein, dass alle anderen schuld sind.
Der Wunsch nach Schmerz beim anderen kann also eigentlich ein Wunsch nach Verständnis sein.
Das macht einen Unterschied. Wenn Verständnis also das Ziel ist, lautet die nächste Frage: Braucht Verständnis tatsächlich Schmerz?
Manche Dinge lassen sich nicht mit einem „Na ja, ist jetzt halt passiert“ abhaken.
Geld kann verloren gegangen sein. Ein Ruf kann beschädigt worden sein. Vertrauen wurde übelst missbraucht. Wenn Zusagen gebrochen und Grenzen überschritten wurden, haben Entscheidungen nun mal konkrete Folgen.
In erster Linie geht es womöglich gar nicht hauptsächlich um Rache. Es geht um: Wiedergutmachung, Entschädigung, Verantwortung und Konsequenzen.
Das alles darf ausgesprochen - nur sollte es nicht in einen Topf geworfen werden.
Wenn jemand mir einen finanziellen Schaden verursacht hat, ist der Wunsch nach Ausgleich etwas anderes als der Wunsch:
„Jetzt sollst du auch leiden.“
Beides kann gleichzeitig vorhanden sein. Genau deshalb lohnt sich die Trennung.
Dieser Satz ist besonders interessant. Er klingt nach Triumph:
Irgendwann wirst du merken, was du an mir hattest.
Darunter kann allerdings eine ganz andere Frage liegen: „War ich dir überhaupt wichtig?“
Wer sich ausgetauscht, entwertet, verlassen oder benutzt erlebt hat, kann die Reue des anderen zum nachträglichen Beweis machen.
*Wenn er mich vermisst, war ich wichtig.
*Wenn sie zurückwill, war ich nicht austauschbar.
*Wenn seine nächste Beziehung scheitert, lag es nicht an mir.
*Wenn sie bereut, dass ich gegangen bin, habe ich gewonnen.
Ich persönlich sehe keinerlei Probleme darin, dass solche Gedanken auftauchen. Ich finde, das Problem beginnt dort, wo der innere Wert weiterhin an der Reaktion des anderen hängt.
Vorher hieß es womöglich: „Wenn du mich liebst, bin ich wichtig.“ Später heißt es: „Wenn du mich vermisst, bin ich wichtig.“
Die Form hat sich verändert. Das Messgerät ist erstaunlich ähnlich geblieben.
Ohnmacht ist schwer auszuhalten, besonders dann, wenn ein anderer Mensch über längere Zeit scheinbar bestimmt hat: wann gesprochen wird, worüber gesprochen wird, welche Version einer Geschichte gilt, wann Nähe entsteht, wann sie entzogen wird, wann etwas beendet wird, wer Schuld trägt, wer sich erklären muss - vielleicht klingt das wie Blabla - doch so manche Beziehungsdynamik läuft genau so.
Nach so einer Erfahrung kann Rache etwas sehr Verführerisches anbieten: Handlungsmacht.
Plötzlich bin ich nicht mehr die Person, mit der etwas gemacht wurde - JETZT ENDLICH mache ich etwas. Ich entscheide. ch verweigere. Ich konfrontiere. Ich lasse den anderen warten. Ich habe Informationen. Ich habe Beweise. Ich habe Einfluss.
Das kann sich vollkommen anders anfühlen als vorherige Hilflosigkeit.
Nur sollte man dann eine ziemlich fiese Gegenfrage zulassen: Wenn mein Wohlbefinden davon abhängt, dass der andere leidet, bereut, zurückkommt oder mich vermisst – wie unabhängig bin ich dann tatsächlich von dieser Person?
Kontrolle zurückholen und sich lösen sind nicht automatisch dasselbe.
Auch dieser Wunsch verdient mehr als ein schnelles Etikett.
Wer einen Schaden erlitten hat, während der andere scheinbar unbekümmert weiterlebt, kann genau daran verzweifeln. Nicht selten wird mir erzählt, dass man nachts wach sitzt und der andere postet Urlaubsbilder.
Eine Person muss scheinbar die Suppe auslöffeln und finanziellen Folgen tragen, wobei die andere keinerlei Konsequenzen zu erleben scheint.
Eine Person zweifelt jahrelang an sich, wobei gleichzeitig die andere Person eine Geschichte erzählt, in der sie selbst hervorragend wegkommt.
Dann taucht verständlicherweise der Satz auf: „Das kann doch nicht gerecht sein.“
Noch einmal: verständlich - nur was bedeutet gerecht?
Gleicher finanzieller Verlust? Gleiche Einsamkeit? Gleiche Dauer des Leidens? Die gleiche Anzahl schlafloser Nächte? Ein öffentliches Eingeständnis? Eine Entschuldigung? Eine Konsequenz? Ein zerstörter Ruf? Ein neues Beziehungsscheitern?
Hier wird es unbequem:
Wenn darauf keine Antwort auftaucht, suchen wir möglicherweise nicht mehr nach einem konkreten Ausgleich. Dann suchen wir nach einem Gefühl doch Gefühle sind verdammt schlechte Buchhalter.
Eine Person bekommt keinen Zugang mehr zu mir. Das kann Schutz oder Bestrafung sein. Es kann sogar beides enthalten.
Ich dokumentiere etwas. Das kann notwendig sein, um mich abzusichern und ebenso dazu benutzt werden, Material für einen späteren Gegenschlag zu sammeln.
Ich erzähle anderen, was passiert ist. Das kann Unterstützung, Einordnung oder notwendige Information sein. Irgendwann kann es auch zur gezielten öffentlichen Demontage werden.
Die Handlung allein erzählt uns deshalb noch nicht immer, welchen Auftrag sie erfüllt.
Genau hier lohnt es sich, weniger auf das Etikett und mehr auf die Funktion zu schauen.
Bevor wir entscheiden, ob ein Wunsch vernünftig, unvernünftig, gesund, ungesund oder sonst was ist, kann man ihn erst einmal auseinandernehmen.
Was soll sich verändern? Soll der Schaden ersetzt werden? Soll die Person verstehen? Soll sie Verantwortung übernehmen? Soll sie mich vermissen? Soll sie bereuen? Soll sie Konsequenzen erleben? Soll mein Ruf wiederhergestellt werden? Soll ich mich wieder sicher fühlen? Soll bestätigt werden, dass ich wichtig war? Soll ich endlich das Gefühl haben, nicht mehr der Depp dieser Geschichte zu sein?
Die VSP-Stichprobe „Rache, Entschädigung & Reue“ setzt genau dort an.
Fragst du dich vorab: „Darf ich so etwas denken?“ Ja!
Frage dich bitte ebenfalls: „Was soll dieser Wunsch eigentlich für mich erledigen?“
Rache, Anerkennung, Wiedergutmachung, Sicherheit, Reue und Entschädigung können sich im ersten Moment ähnlich anhören - sie brauchen trotzdem nicht denselben Weg.
Sobald klarer wird, was gesucht wird, kommt der zweite Teil.
Die Gegenprobe. Ein Ziel und die gewählte Strategie können hervorragend auseinanderlaufen.
Ich will, dass die Person versteht. → Führt ihr Leiden tatsächlich zu Verständnis?
Ich will wissen, dass ich wichtig war. → Ist ihre Reue ein zuverlässiges Messgerät für meinen Wert?
Ich will Gerechtigkeit. → Braucht Gerechtigkeit zwingend gleichen Schmerz?
Ich will wieder frei sein. → Macht mich die Beobachtung ihres Unglücks tatsächlich unabhängiger?
Ich will Verantwortung. → Brauche ich Bestrafung oder eine konkrete Konsequenz?
Ich will meinem eigenen Erleben wieder vertrauen. → Muss ausgerechnet die Person, die es bestreitet, es mir bestätigen?
Das ist die Aufgabe der VSP-Gegenprobe „Rache, Entschädigung & Reue“
Nicht den Wunsch wegdiskutieren, bitte prüfe, ob das gewünschte Mittel überhaupt das leisten kann, was du von ihm erwartest.
„Ich möchte, dass du leidest.“
Das darf erst einmal stehen bleiben, braucht keinen Heiligenschein und auch keinen sofortigen moralischen Tritt vors Schienbein.
Man kann neugierig werden: Was würde dein Leiden für mich verändern?
Würde ich mich gesehen fühlen, Ernst genommen, sicherer, wertvoller, weniger ausgeliefert?
Würde ich endlich glauben können, dass das Geschehene wirklich schlimm war und würde ich meine eigene Wahrnehmung wieder ernst nehmen?
Würde ich denken: Jetzt sind wir quitt oder haben wir plötzlich viel mehr vor uns als „nur Rache“.
Zumindest haben wir einen Hinweis darauf, was noch offen ist.
Das ist wahrscheinlich eine der härtesten Gegenproben.
Viele Menschen warten auf einen Satz wie:
„Ja. Ich habe dir Unrecht getan.“
Es wäre schön, wenn er käme. Er kann wichtig sein, da er etwas reparieren kann. Realistisch gesehen, kommt er trotzdem nicht immer. Dann entsteht leicht die Vorstellung: Solange die andere Person es nicht zugibt, ist die Geschichte noch nicht abgeschlossen.
Wieder bekommt genau dieser Mensch einen ziemlich großen Schlüsselbund zu deinem Leben.
Einer davon führt zur Tür: „Darf ich meiner eigenen Wahrnehmung trauen?“
Die Gegenprobe lautet deshalb:
Kurz - Ja. Diese Antwort ersetzt weder eine Entschädigung noch eine notwendige Konsequenz.
Sie ersetzt keine rechtliche oder praktische Klärung.
Sie löst nur eine andere Verwechslung: Die Anerkennung des Geschehens ist nicht ausschließlich Eigentum des Verursachers.
Das mag ich dich am Ende fragen.
Keine pseudowissenschaftliche Frage vom Selbsttest aus der Fernsehzeitung, wie: „Bin ich schon weit genug, um nicht mehr wütend zu sein?“ oder: „Muss ich vergeben?“ oder: „Wie bringe ich jemanden dazu, mich für immer zu bereuen?“
Schlicht und einfach:
Würde, Sicherheit, Ruhe, Geld, Reputation, Entscheidungsfreiheit, Vertrauen, eine klare Grenze, das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, ein Ende der ständigen inneren Auseinandersetzung?
Sobald das deutlicher wird, kann eine zweite Frage folgen:
Die Antwort muss nicht immer Nein sein, weil es doch sooo hübsch klingen würde oder wir erhaben, erleuchtet und spirituelle weiter fortgeschritten sind... Scheiß drauf!
Die Antwort muss überhaupt nicht sofort kommen. Die Gegenprobe erfüllt ihren Zweck schon dann, wenn aus einer scheinbar selbstverständlichen Gleichung wieder eine echte Frage wird.
Verstehen vor Veränderung. Nicht, damit alle friedlich lächelnd vom Feld gehen.
Es geht eben nicht um Friede-Freude-Eierkuchen sondern um deine Klarheit, was hier eigentlich wieder in Ordnung kommen soll.